Obama in der Krim-Krise Leistungskurs im Fach "Kalter Krieg"

Telefonat Anfang März: US-Präsident Obama spricht mit Russlands Präsident Putin über die Krise in der Ukraine.

(Foto: dpa)

Barack Obama langweilt die Krise auf der Krim offenbar - der US-Präsident sieht sich hier gefangen in dem, was er für Geschichte hielt. Doch der Fall hält Lehren bereit, die Obama auch an anderer Stelle nützen könnten.

Ein Kommentar von Nicolas Richter, Washington

Barack Obama hat Wladimir Putin einmal mit einem Lümmel verglichen: Er sehe aus wie der "gelangweilte Kerl hinten im Klassenzimmer". Dies verrät viel über das Verhältnis beider Männer, das in Wahrheit ein Nicht-Verhältnis ist. Putins Laufbahn als sowjetischer Geheimdienstler hat nichts zu tun mit Obamas Prägung als Multikulti-Kind und Sozialarbeiter. Während Obama mit Putins Vorgänger Medwedjew noch einen Neustart zwischen beiden Ländern hinbekam, ist die Beziehung unter Putin erkaltet.

Neuerdings trifft das Bild vom gelangweilten Schüler allerdings vor allem auf Obama selbst zu. Der US-Präsident wirkt seit Wochen, als müsse er einen Leistungskurs im Fach "Kalter Krieg" über sich ergehen lassen, und es könnte ihn nicht schlimmer anöden - zumal sich Obama eigentlich für Sinologie angemeldet hatte.

Aus Obamas Sicht dürfte die Krise in der Ukraine vor allem ein Ärgernis sein, sie bietet kaum gute Optionen und lenkt von dem ab, was er sich eigentlich vorgenommen hatte: ein neues strategisches Verhältnis mit Asien zu entwickeln, zu China und dessen Nachbarn. Geschäftlicher und kultureller Austausch, neue Bündnisse, Netzwerke, Kooperationen - das ist die Außenpolitik, die Obama interessiert.

Auch Krisen, die Obama langweilen, bleiben

Statt aber den Globalisten zu geben, der den Kontinent der Zukunft umwirbt, sieht sich Obama nun gefangen in dem, was er für Geschichte hielt. Washingtons außenpolitisches Establishment mit seinen Kalten Kriegern a.D. wirft ihm Schwäche vor, als hätte Putin die Krim gemieden, wenn im Weißen Haus noch Ronald Reagan sitzen würde. Die Europäer blicken wieder einmal hilfesuchend nach Washington, und Putin feiert eine Art Revanche für die Demütigungen der vergangenen Jahrzehnte. Manche davon liegen in einer Zeit, in der Obamas außenpolitischer Berater Benjamin Rhodes noch in der Schule saß.

Das Weiße Haus hat lange versucht, die Krise in der Ukraine weg- und kleinzureden. Das Denken in Einflusssphären sei veraltet, hieß es, Putin ein Mann von gestern. Doch Obama, der in der kommenden Woche durch Europa reist, muss nun zur Kenntnis nehmen, dass sich die Welt nicht nach seinen Wünschen richtet. Die Welt wird nicht allein deshalb gut, weil Obama allen die Hand ausstreckt. Und Krisen wie in Syrien oder der Ukraine verschwinden nicht, bloß weil sie Obama langweilen.

Sowohl Amerikaner als auch Europäer brauchen die Russen heute

Auf der Krim offenbaren sich nun ein paar Vorzüge der Alten Welt und ein paar Tücken der Neuen Welt. Ein Vorzug aus der Alten Welt ist zum Beispiel die Nato, die es tatsächlich noch gibt. Das Uralt-Verteidigungsbündnis ist immer noch das Gerüst einer Mindestordnung. Wer, wie die Ukraine, weder zur Nato noch so richtig zu West oder Ost gehört, ist schnell den Begehrlichkeiten benachbarter Autokraten ausgeliefert. Balten und Polen dagegen können sich ziemlich sicher sein, dass sie geschützt sind vor Putins Spezialkräften.

Andererseits gibt es die alten Blöcke nicht mehr, und anders als im Kalten Krieg scheuen Europäer und Amerikaner die völlige Abkehr von Moskau. Die Amerikaner brauchen die Russen im Iran-Konflikt, bei Terrorabwehr und Weltraumforschung. Die Europäer brauchen Russland als Energielieferanten und Absatzmarkt. In dieser Vernetzung liegt der große Unterschied zwischen heute und damals. Er macht die Suche nach Antworten nicht leichter.

Die Lehren aus dem Fall Krim könnten Obama noch an anderer Stelle nützlich sein. Ähnlich wie Putin glaubt auch Peking, noch ein paar Rechnungen mit der Vergangenheit offen zu haben. Auch in Asien also könnten die USA bald vor der Aufgabe stehen, Freunde und Verbündete zu schützen vor dem Rivalen China, mit dem sie sich in Wahrheit nicht überwerfen möchten. Vermeintlich öde Geschichtskurse sind zuweilen erschreckend aktuell.