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Obama in China:Auftritt auf der großen Bühne

Barack Obama besucht die Volksrepublik China. Die war nie zuvor so mächtig - und baut ihren Einfluss sogar noch weiter aus. Dem Militär kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Stefan Kornelius

Als am 1. Oktober Tausende Soldaten im Gleichschritt über den Platz des Himmlischen Friedens paradierten, begleitet von Panzern, Raketenwerfern und Flugzeugen, da schnurrten die Aufnahmegeräte in den Büros der in Peking akkreditierten Militärattachés. Seitdem wird von Fachleuten die Leistungsschau der chinesischen Streitkräfte ausgewertet.

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Chinesische Marineoffiziere im Hafen von Qingdao. Die Flotte steht im Mittelpunkt Pekings militärischer Aufrüstung.

(Foto: Archivfoto: Getty)

Für eines aber gibt es bis heute keine Erklärung: Warum haben die das gemacht? Warum feiert die Kommunistische Partei den 60. Gründungstag der Volksrepublik mit einer gigantischen Militärparade, die so gar nicht zum Konzept der "wissenschaftlichen Entwicklung" passen will, das Präsident Hu Jintao als Leitmotiv dieser Phase der chinesischen Politik ausgegeben hat?

Neben der naheliegenden Erklärung - Demonstration der Stärke und Einheit zwischen Armee und Partei nach innen und gegenüber Taiwan - bleibt nur eine Deutung: China wollte der Welt zeigen, dass es als Militärmacht ernst genommen werden möchte, dass es nun mitzuspielen gedenkt im globalen Wettbewerb um Größe und Macht. Die Volksrepublik, so die Botschaft, ist ein ernstzunehmender Darsteller im Welttheater.

Freilich war die Botschaft längst bekannt, wenn auch die Parade in Peking der Saga vom Aufstieg Chinas zur Weltmacht eine neue militärische Dimension verlieh. Denn die Vorführung im Stechschritt war nur das bisher wohl sichtbarste Zeichen der neuen, selbstbewussteren Außen- und Sicherheitspolitik einer Nation, die ökonomisch längst an der Spitze der Welt steht und die nun Vorkehrungen trifft, dass ihr Wachstum als Grundlage der neuen Macht nicht zum Stillstand kommt. Dazu aber braucht es Partner und Märkte auf der Welt, Lieferanten und Kunden, Handelswege und wohlwollende Freunde.

China hat in wenigen Jahren viel unternommen, um seinen Auftritt auf der großen Bühne vorzubereiten. Niemals zuvor in den 60 Jahren ihres Bestehens war die Volksrepublik so mächtig wie heute. Ihr Militär wird zügig modernisiert, dabei rückt die Flotte in den Mittelpunkt der Strategie.

China strebt in den Weltraum und könnte einen Mann auf den Mond bringen, noch ehe die USA ihr neues Mondprogramm zum Erfolg führen werden. Ein dichtes Netz von Rohstofflieferanten entsteht, vor allem in Afrika und Südamerika. Mit den gewaltigen Devisenreserven von allein 800 Milliarden Dollar in Form amerikanischer Staatsanleihen sind chinesische Einkäufer überall in der Welt unterwegs, um in Schlüsseltechnologien und Rohstoffmärkte zu investieren. Kombiniert wird diese Politik mit einem globalen Infrastrukturprogramm - Häfen, Transportwege auf dem Land, Pipelines.

Besonders deutlich wurde diese Politik vor nur zwei Tagen, als Premierminister Wen Jiabao den 49 afrikanischen Staaten im Forum "China-Afrika Kooperation" ein Kreditgeschenk von zehn Milliarden Dollar machte, eine Milliarde Dollar für kleine und mittelständische Firmen zusagte und unterentwickelten Staaten ihre Schulden erließ. Peking investiert in den Klimaschutz in Afrika und hebt Zollbeschränkungen für afrikanische Staaten auf - "eine neue Phase in der Entwicklung der Beziehungen zu Afrika", wie Wen stolz verkündete.

Tatsächlich hat China aus der Kritik an seinem Afrika-Engagement gelernt und die Beziehungen zu Sudan, Simbabwe und Nigeria transparenter gestaltet. Eingeleitet wurde die Wende mit der Ernennung eines Sonderbeauftragten.

Auch wenn der Sudan von der Liste der bevorzugten Handelspartner gestrichen wurde, wenig geändert hat sich die Praxis, Beziehungen zu Staaten mit zweifelhaftem Demokratieverständnis und schlechter Menschenrechtspraxis anzubahnen. Ende Oktober wurde ein sieben Milliarden schweres Schürfabkommen mit dem Militärregime in Guinea geschlossen - es geht um den Abbau von Bauxit und anderen Mineralien. Das chinesische Handelsministerium beziffert den bilateralen Handel mit afrikanischen Staaten inzwischen auf 100 Milliarden Dollar. Investitionen sollen sich bis auf 50 Milliarden angehäuft haben.

Vorstoß auf amerikanisches Terrain

Die Investitionssummen in Lateinamerika sind nicht weniger beeindruckend. Zielstrebig haben sich die großen drei staatliche Energieunternehmen, die Nationalbank und der staatliche Investmentfonds in ölreiche Staaten des Kontinents eingekauft.

Die chinesische Entwicklungsbank lieh im Februar dem brasilianischen Ölgiganten Petrobras zehn Milliarden Dollar im Austausch gegen langfristige Lieferverträge. Venezuela erfreut sich ähnlicher Abkommen. Und in einem hochsymbolischen Akt trat einer der drei staatlichen Ölkonzerne Chinas, CNOOC, in Verhandlungen mit der nationalen norwegischen Ölgesellschaft StatoilHydro, um ein paar Bohrrechte im Golf von Mexiko zu erwerben - mitten auf amerikanischem Terrain.

Nachdem ein chinesischer Staatsbetrieb beim Übernahmeversuch der amerikanischen Öl-Gesellschaft Unocal am politischen Widerstand aus dem US-Kongress gescheitert war, gilt der norwegische Deal als Test für die Empfindlichkeit der Amerikaner und als klare Ansage: Ihr investiert in unsere Märkte, wir wollen auch in eure Märkte eindringen.

Chinesen stecken ihre Claims ab

Ob in Russland, in Afghanistan, Pakistan, Australien, ob in Iran oder im Irak: Überall tauchen die chinesischen Käufer auf und stecken ihre Claims ab - meist erfolgreich. Es geht um die Sicherung wichtiger Rohstoffquellen, die China für den nationalen Bedarf ausbeuten will.

Der "Statistische Überblick der Weltenergie 2009", verfasst vom Ölkonzern BP, stellte überall auf der Welt einen Rückgang beim Energieverbrauch fest - mit Ausnahme einiger weniger aufstrebender Nationen außerhalb des Industriestaaten-Klubs OECD. China bricht den Trend. "Das Gravitationszentrum des globalen Energiemarktes hat sich scharf und unumkehrbar verschoben hin zu den aufstrebenden Nationen, vor allem China", sagt BP-Vorstandschef Tony Hayward.

Für Peking heißt dabei die oberste Maxime: Unabhängigkeit. Die Abhängigkeit des Westens vom Rohstoffkartell der arabischen Welt dient als abschreckendes Beispiel. Unabhängigkeit und Kontrolle auch beim Transport. Chinas außenpolitische Strategie dient immer noch zuallererst der Sicherheit und Stabilität im Inneren, dazu ist Wachstum und Versorgungssicherheit Pflicht. Und deshalb baut China an einem Gürtel von Versorgungsstützpunkten, die den reibungslosen Fluss der Güter und Rohstoffe über die Weltmeere sichern soll.

Der Aufstieg von Großmächten in der Geschichte, so das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Peking, ließ sich immer auf die Stärke zur See zurückführen. Die Regierung hat deswegen bereits im Jahr 2000 einen "Plan zur maritimen Hochtechnologie" vorgelegt, dem nun die massive Aufrüstung der Kriegsmarine aber auch der Handelsflotte folgt.

Zwar liegt die Kriegsflotte in Tonnage und Schlagkraft noch meilenweit hinter der US-Navy zurück, aber China hat deutlich gemacht, dass es die traditionelle Aufgabe des Küstenschutzes hinter sich lässt und die Beherrschung wichtiger Handelsstraßen anstrebt. "Blue Water Navy", heißt das in der Fachsprache, eine hochseetaugliche Marine - und chinesische Kreuzer unterstreichen diesen Anspruch inzwischen am Horn von Afrika oder in den Gewässern Südostasiens.

Eine "Perlenkette" aus Häfen

Dass diese Strategie nicht ohne Gefahr ist, wissen die Nachbarn. Grenzstreitigkeiten mit Vietnam, den Philippinen, Malaysia und Indonesien oder der Disput mit Japan und Südkorea um Fischfangquoten oder die Ausbeutung von Gasfeldern bekommen plötzlich eine neue Bedeutung. Das Drohpotential der chinesischen Marine geht plötzlich über die Grenzgewässer hinaus.

Die Seefahrernation durchbricht, vor allem dank moderner U-Boote, die maritimen Verteidigungslinien, die sich wie eine imaginäre Kette zwischen Japan, Taiwan, den Philippinen und Malaysia vor der chinesischen Küste spannen und den Zugang zur pazifischen Tiefsee abriegeln.

Ganz konkret geht es China um die Sicherung seiner Tankerrouten. 80 Prozent der Ölimporte werden durch die Straße von Malakka transportiert, kaum eine Nation der Welt ist so auf den freien Schiffsverkehr angewiesen wie China.

Genau aus diesem Grund baut China eine Reihe von Häfen, die auch einmal als Marinestützpunkte dienen könnten. Auf den Malediven, den birmanischen Kokosinseln, in Bangladesch (Chittagong), Pakistan (Gwadar) und auf Sri Lanka werden Anlagen gigantischen Ausmaßes in Beton gegossen. Die "Perlenkette" wird das Ensemble genannt - strategische Preziosen, die Chinas globalen Anspruch deutlich machen sollen, während in den Werften an der Küste zur Zeit moderne U-Boote, Fregatten und Kreuzer entstehen, und selbst der Bau eines Flugzeugträgers nicht wirklich dementiert wird.

Vorbei sind nun die Zeiten, wo Chinas Führung ihre globalen Ambitionen versteckte und der Weisheit von Deng Xiaoping folgte: "Beobachtet mit kühlem Kopf; reagiert gelassen; bleibt standhaft; verbergt unsere Fähigkeiten und wartet, bis unsere Zeit gekommen ist." Jetzt, so scheint es, ist diese Zeit gekommen.

© SZ vom 14.11.2009/jab

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