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Obama, Hegel und der Weltgeist:Der Sturm der Vernunft

Womöglich stand der Weltgeist gestern auf den Stufen des Kapitols in Washington und hat den Amtseid als 44. US-Präsident abgelegt. Barack Obamas Rede trat einen Sturm der Hoffnung los - auf eine aufgeklärte Vernunft.

Der Weltgeist wandert auf dem Weg der Selbstverwirklichung durch Länder und Zeiten. Früher ist er einmal zu Pferde geritten, damals hieß er Napoleon. Später ging er zu Fuß, trug Sandalen, einen Lendenschurz und eine kreisrunde Nickelbrille, schritt mit einem langen Bambusstab seinen Anhängern voran und führte sie und sein Land Indien in die Unabhängigkeit. Damals hieß er Mahatma Gandhi.

Weltgeist auf den Stufen des Kapitols: Barack Obama und seine Ehefrau Michelle.

(Foto: Foto: Reuters)

Manchmal schlüpft der Weltgeist in einen ganz Unbekannten, in einen Durchschnittsmenschen, der dann im richtigen Augenblick das Richtige tut, der also zu Hause vom Sofa aufsteht und sich auf den Weg zu einer Demonstration macht. Dann begegnen sich Alltag und Weltgeschichte - so wie 1989, bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Der polnische Arbeiter Lech Walesa, der ein treuer Katholik ist, wird wohl nicht vom Weltgeist, sondern vom Heiligen Geist reden, der ihn geleitet habe, 1980 die Mauer zu der von der Polizei abgeriegelten Fabrik zu übersteigen und so zum Streik-, Gewerkschaftsführer und zum Hoffnungsträger des polnischen Widerstands gegen den Kommunismus zu werden.

Geschichte läuft nicht einfach ab. Geschichte braucht das Handeln des Einzelnen. Wenn das Wirken des Einzelnen mit der allgemeinen Tendenz des Weltgeschehens übereinstimmt, dann verwirklicht sich Geschichte als Fortschreiten der Vernunft. So lehrt es der Philosoph Georg Friedrich Hegel.

Er war es, der vom Weltgeist gesprochen hat, der durch Länder und Zeiten wandert. Manchmal trägt der Weltgeist eine Nickelbrille, wie Ghandi, dann hat er einen Schnurrbart, wie Lech Walesa. Manchmal redet er sächsisch und hat eine Kerze in der Hand, wie 1989/90, bei den Montagsdemonstrationen.

Womöglich stand der Weltgeist soeben in Washington, festlich gewandet, auf den Stufen des Kapitols, und hat vor zwei Millionen Menschen, die Hand auf der Bibel, den Amtseid abgelegt als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika - als erster schwarzer Präsident in der US-Geschichte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass der Weltgeist schwarze Hautfarbe hat. 1963 war es Martin Luther King, der die Bewegung für Bürgerrechte der farbigen Amerikaner und ihren Marsch nach Washington anführte. In seiner berühmten Rede beginnt er immer wieder mit dem Satz: "I have a dream." Der Traum ist Gestalt geworden, 45 Jahre später. Er hat sich materialisiert in der Rede, die Barack Obama zu seiner Amtseinführung hielt.

"Wir beginnen eine neue Ära der Hoffnung und der Versöhnung." Dieser Satz stammt nicht aus der Rede von Obama, er stammt aus einer Rede des südafrikanischen Ex-Häftlings Nelson Mandela, der die Apartheid überwand und vor 15 Jahren der erste schwarze Präsident Südafrikas wurde. Aber die Ähnlichkeiten der Reden sind bezeichnend. Sie sind getragen von einem Zeitgeist, der sich vom Ungeist verabschiedet.

Es ist nicht Ausdruck eines Messianismus, wenn man angerührt die erste Rede des Präsidenten Obama hört. Es ist ein Sturm der Hoffnung, der so viele Menschen bewegt - die Hoffnung auf ein neues Walten der aufgeklärten Vernunft in der amerikanischen und in der Weltgeschichte.

Obama: Bilder von der Vereidigung

"I do solemnly swear ..."