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OB-Wahl in Hannover:Die rote Sonne versinkt im Maschsee

Rathaus Hannover

Machtwechsel im Stadtpalast: In Hannovers Neuem Rathaus am Maschsee wird künftig ein Grüner oder ein CDU-naher Ex-VW-Manager regieren.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

In Niedersachsens Landeshauptstadt machen Grüne und CDU die Stichwahl unter sich aus.

Von Peter Burghardt, Hamburg

"Unter normalen Bedingungen", sagt Herbert Schmalstieg, "wäre das ein Heimspiel gewesen." Aber was ist noch normal bei der SPD? 73 Jahre lang hatten die Sozialdemokraten Hannover regiert, 34 Jahre davon regierte er, Schmalstieg. Und jetzt? Da ist die große Krise der SPD im Bund, da war die Finanzaffäre um den zurückgetretenen SPD-Oberbürgermeister Stefan Schostok in Niedersachsens Landeshauptstadt. So ist zwar noch nicht klar, wie der nächste Oberbürgermeister heißt. Aber nach der ersten Runde dieser vorgezogenen Neuwahl ist bereits sicher, dass es erstmals seit Menschengedenken kein Sozialdemokrat sein wird.

Es war kein Heimspiel mehr für die SPD, die Stichwahl um das höchste Amt im Neuen Rathaus werden am 10. November Belit Onay von den Grünen und Eckhard Scholz für die CDU bestreiten. Gemäß des vorläufigen Ergebnisses bekamen beide 32,2 Prozent, der SPD-Vertreter Marc Hansmann wurde mit 23,5 Prozent nur Dritter. Damit verlieren die Genossen eine traditionelle Hochburg - es geschah mitten im Kampf um den Parteivorsitz und obendrein am Sonntag des Debakels in Thüringen.

Außer den Verlierer Hansmann und seine Fraktion trifft das besonders Schostoks Vorgänger und Schmalstiegs Nachfolger Stephan Weil. "Für die hannoversche SPD ist es ein bitterer Abend, aber ehrlich gesagt für mich persönlich auch", sprach Weil, der es aus dem Prachtbau im Maschpark in die nahe gelegene Niedersächsische Staatskanzlei geschafft hatte. Seit 2013 ist der frühere Oberbürgermeister Weil Niedersachsens Ministerpräsident, seit 2017 führt er eine rot-schwarze Landesregierung, bei der SPD zählt er zu den letzten Siegertypen. Und der Machtverlust in der Stadtzentrale betrübt auch sehr jenen Mann, der Hannover von 1972 bis 2006 geprägt hatte, Herbert Schmalstieg.

Der bisherige Amtsinhaber war zurückgetreten - er steht unter Anklage

"Sehr bedauerlich, dass das passiert ist", sagt er am Tag danach am Telefon. "Bitter." Schmalstieg kennt die Gründe, sie sind allgemein bekannt. Die Stimmung bei der SPD ist alles in allem nicht besonders gut, dazu kommt das Gerangel um die Führung der Partei, ihre Richtung und die Zukunft der Groko in Berlin. In Hannover wurde derweil ein Vertrauen verspielt, das zuvor über Jahrzehnte hinweg gewachsen war. Der vormalige OB Schostok und zwei seiner früheren Mitarbeiter stehen wegen des Verdachts der Untreue unter Anklage, es geht um unzulässige Gehaltszulagen. Schostok ließ sich deshalb im Mai 2019 in den Ruhestand versetzen.

Auch Herbert Schmalstieg hat den Eindruck, dass der Fall zu lange verschleppt wurde. Er hielt den SPD-Kandidaten Marc Hansmann, den Stadtkämmerer unter Stephan Weil, durchaus für geeignet. Doch der Ökonom bekam im Zuge des zermürbenden Skandals nicht mal jede vierte gültige Stimme, obwohl er von den Bewerbern die größte Erfahrung mit Verwaltungsaufgaben hat. Auch lag die Wahlbeteiligung bei schwachen 46,5 Prozent, ein weiteres Zeichen für den Ärger der Wähler.

Nun wird in 14 Tagen also zum ersten Mal seit 1946 der Oberbürgermeister von Hannover ohne die SPD ermittelt. Gegenüber stehen sich Belit Onay, 38, von den Grünen, und der parteilose Eckhard Scholz, 56, ihn unterstützt die CDU. Der Jurist und Landtagsabgeordnete Onay wäre das erste Kind türkischer Zuwanderer an der Spitze einer deutschen Großstadt, sein Aufstieg gehört zum Aufschwung der Grünen. Der Maschinenbauingenieur Scholz war Manager bei VW. Beide sprechen von Aufbruch in dieser Stadt mit ihren gut 500 000 Einwohnern, die von der SPD beherrscht worden war wie sonst von deutschen Großstädten nur noch Bremen und Dortmund. Herbert Schmalstieg, 76, erinnert sich mit Wehmut: "Ich bin neun Mal gewählt worden."

© SZ vom 29.10.2019
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