Im Büro von Irfan Yıldızoğlu finden sie, dass schon alles gut ist. Ein paar Männer sitzen beim Tee, es ist die örtliche Zentrale von Präsident Erdoğans AKP, sein Bild hängt an der Wand. Yıldızoğlu ist der Chef des Ortsvereins von Nusaybin, einer kurdisch geprägten Stadt im Südosten der Türkei, direkt an der Grenze zu Syrien. Im Raum sitzen Bauern, Unternehmer, Parteileute. „Frieden ist etwas Schönes“, sagt einer, „sehen Sie sich um, wir sind eine moderne Stadt geworden.“ Ein anderer: „Niemand hier will noch Krieg.“ Einer in schwarzem Anzug: „Wir atmen die Lösung, wir wollen eine Zukunft.“
Yıldızoğlu, der Mann hinter dem Chefschreibtisch und Vertreter von Recep Tayyip Erdoğan, sagt, die Menschen hier hätten die Waffen satt: „Diesmal wird es klappen.“
Klappen mit dem Frieden. Zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen PKK-Miliz, zwischen den Türken und den Kurden, dem Volk ohne Staat. Frieden in einem Krieg, der inzwischen ein halbes Jahrhundert dauert. In einer seiner schlimmsten Phasen, 2015 und 2016, kämpften kurdische Teenager in den Straßen von Städten wie Nusaybin gegen die türkische Armee. Die reagierte mit Artillerie und Luftangriffen, sie zerstörte ganze Viertel.
Im örtlichen AKP-Büro beschwören sie goldene Zeiten herauf
Aus Nusaybin mussten die Menschen fliehen, und als sie nach Monaten zurückkamen, gab es ihre Stadt nicht mehr. Gar nicht lange her, der Präsident war derselbe. Und jetzt Frieden? So einfach?
Erdoğan sagt, er wolle ihn. Er hat die Führung der prokurdischen DEM in seinen Palast geladen, einer Partei, deren Vertreter er sonst als Terroristen inhaftieren lässt. Im Februar hat sich Abdullah Öcalan, der Gründer der PKK, aus dem Gefängnis gemeldet und wissen lassen, der Kampf sei vorbei. Jetzt wartet die Türkei darauf, dass die PKK ihm folgt und ihre Auflösung beschließt. Manche glauben, es könnte in den nächsten Tagen so weit sein.

Der Krieg ging zuletzt nur noch im Nordirak weiter. Dorthin hatten sich die Kämpfer zurückgezogen. Im Südosten der Türkei, in Städten wie Nusaybin kehrte ein erzwungener Frieden ein, die türkische Armee hatte gewonnen. In Nusaybin freut sich heute im AKP-Büro ein Landwirt darüber, was der Staat seither mit der Stadt gemacht hat: Er hat sie weitgehend abgerissen und neu aufgebaut. „Eine neue Klinik haben wir“, sagt er. „Neue Schulen, neue Straßen.“ Es gehe ihnen so viel besser als früher.
Irfan Yıldızoğlu, der Parteivorsteher, spricht von einem Ende der Feindseligkeit, er könne mit den Leuten der DEM-Partei einen Tee trinken gehen. „Sie sehen“, sagt er, „dass es unser Präsident ernst meint.“ Er redet schon von Tourismus in der Region, in Nusaybin steht eine Kirche, in der Archäologen die „älteste Universität der Welt“ fanden. Uraltes Kulturland ist das hier, Land der Kurden, aber auch der Araber, der Armenier, multiethnisch, multireligiös. Das antike Babylonien. Bald könnte die Grenze nach Syrien wieder öffnen, glauben sie in der AKP-Teerunde, zum ersten Mal seit Jahren. „Da drüben brauchen die ja alles“, sagt einer. „Das sind unsere Verwandten.“
Klingt nach goldenen Zeiten – für jene, die daran glauben. Andere fragen sich noch, ob sie dem Präsidenten trauen wollen, ihm und seinem Angebot.
Ohne die kurdischen Stimmen kann Erdoğan nicht weitermachen
Erdoğan, das wissen alle, braucht die kurdischen Stimmen, will er bei der nächsten Wahl noch einmal antreten. Ohne die DEM keine 60 Prozent im Parlament, ohne 60 Prozent keine Neuwahlen, ohne Neuwahlen keine erneute Kandidatur, so will es die Verfassung. Ist es also ernst gemeint, das mit dem Frieden, oder ist es ein politisches Spiel? Anders gefragt: Wäre ein Frieden nicht den Preis wert, dass er Erdoğans Karriere verlängert? Oder so: Kann es erst echten Frieden geben, wenn er nicht mehr im Amt ist?
Es sind gerade noch mehr Fragen als Antworten.
In Nusaybin geht man durch Viertel, die nach Erdoğan aussehen. Der Präsident hat die Türkei auch optisch geprägt, TOKI hat die neuen Viertel gebaut, die staatliche Bauagentur. TOKI baut überall, in Istanbul, im Erdbebengebiet, baut Wohnblocks, die die Regierung vermutlich modern findet. Auch hier.
Nusaybin hat mehr als 100 000 Einwohner, das Zentrum ist klein. Vom AKP-Büro sind es zu Fuß ein paar Minuten zur Grenze. Ein letzter Park, ein Café, dahinter ein Graben, hinter dem Graben das syrische Qamischli. Eine kurdische Stadt wie Nusaybin, so nah, dass man etwas hinüberrufen könnte, und unerreichbar fern. Früher, in osmanischen Zeiten, gehörten Nusaybin und Qamischli zusammen.
Heute hängen drüben Öcalan-Bilder, und in Nusaybin findet sich ein Büro der ultranationalistischen MHP, die zusammen mit Erdoğan regiert. Einer Partei, die früher leugnete, dass es eine kurdische Ethnie gibt. Selbst hier, im Büro der MHP, 500 Meter nördlich von Syrien, reden sie jetzt von Frieden. „Wir sind doch alle Menschen“, sagt der örtliche Chef. „Wir können doch alle einen Tee zusammen trinken.“
Drüben regiert eine kurdische Selbstverwaltung, die Kurden dort haben sich im syrischen Krieg eine Autonomie erkämpft. Drüben greift die Türkei immer wieder aus der Luft an, selbst Elektrizitätswerke, sie sagt, es regiere dort ein Ableger der PKK. Seit dem Ende des Assad-Regimes sind die Angriffe heftiger geworden. Die Grenze, sie verläuft auch zwischen Angriffen dort und Friedensangebot hier.
Mazlum Koç sieht die Dinge etwas anders
Vorm Park links liegt das Rathaus von Nusaybin. Im zweiten Stock hat Mazlum Koç sein Büro, schaut er durchs Fenster, sieht er Syrien. Koç hat lange in Izmir gelebt, hat dort für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet. Jetzt, zurück in Nusaybin, arbeitet er fürs Rathaus, als Vize der Bürgermeisterin. Die gehört zur DEM, die bisher als verlängerter Arm der PKK galt, sie gewann in Nusaybin vergangenes Jahr mit 75 Prozent der Stimmen. Die AKP lag bei 13 Prozent.
Koç ist 35 Jahre alt, jünger als der Krieg. Ein ernster Typ, der nicht findet, dass schon alles gut ist. „Wenn es keine Probleme gäbe“, sagt Koç, „müssten wir nicht verhandeln.“
Er bittet auf sein Sofa, lässt Limonade bringen und erzählt von den Wunden eines halben Jahrhunderts, den körperlichen, den seelischen. Er erwähnt die politischen Gefangenen, den populären kurdischen Politiker Selahattin Demirtaş, in Haft seit 2016. „So viele Menschen sind hier gestorben“, sagt Koç. „So viele saßen wegen kleinster Vergehen 30 Jahre lang im Gefängnis.“ Die Kurden, sagt er, hätten „immer am meisten unter dem Krieg gelitten und immer von Frieden gesprochen“. Trotz allem, was geschah.
„Reden ist richtig“, sagt er. „Ohne zu reden, löst man nichts.“
Mazlum Koç, groß geworden im Krieg, will sich die Chance auf Frieden nicht nehmen lassen. Nur wie soll er aussehen, der Frieden? Im AKP-Büro sagen sie, er sei schon da, es gehe nur noch um Details. Koç sagt, es gehe um eine Frage. „Wie garantieren sie uns, dass wir nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind?“
Dafür reiche kein Abkommen. Dafür brauche es einen Rechtsstaat. Die Sicherheit, dass Richter unabhängig urteilen, nicht im Namen des Präsidenten. „Daher meine Zweifel“, sagt Koç. Dann deutet er auf ein kleines Plakat neben seinem Schreibtisch: „Zweifelst du“, steht da, „dann erinnere, wie groß deine Sache ist.“ Vielleicht müssen sie sich in Nusaybin gerade öfter daran erinnern.
Die junge Frau findet das Haus ihrer Familie nicht. Das ganze Viertel existiert nicht mehr
Neben dem Rathaus stehen, wie zur Erinnerung, wer hier gewonnen hat, ein paar Panzerwagen. Das Grundstück nebenan gehört dem Militär, auf der Straße sind überall Soldaten. Koç sagt noch, er wolle uns jemanden vorstellen, und ruft eine Bekannte an. Eine halbe Stunde später führt eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen will, durch ihre frühere Gegend. Sie möchte das Haus zeigen, in dem ihre Familie bis 2016 lebte, bloß, sie findet es nicht. Als die Kämpfe vorbei waren, habe der Staat nicht nur die Häuser beseitigt, auch die Straßen, alles. Sie kann nur raten, wo sie mal lebte.
So läuft sie durch das Viertel, das es nicht mehr gibt. Und rät. „Ungefähr dort“, sagt sie, „bei dem Parkplatz.“ Halb sei das Haus zerstört worden im Krieg, die Reste habe der Staat später abgerissen. Und der Familie eine der neuen TOKI-Wohnungen angeboten, irgendwo in Nusaybin. Ohne Grundurkunde, sagt sie. „Wir hätten nie gewusst, ob sie uns gehört.“ Die Familie lehnte ab, sie suchte sich eine Mietwohnung. Ob man mal sehen wolle, wie es in den TOKI-Blocks aussehe?
Ein Eingang steht offen. Drinnen ist es dunkel, an den Metalltüren vor den Fluren hängen Vorhängeschlösser. Die Häuser sind neu und sehen schon wieder alt aus. Von außen mögen sie etwas Modernes haben, drinnen etwas von Baracken. „Wie in einem Gefängnis“, sagt die Frau.
Sie tritt ins Freie und geht hinüber zu dem Park an der Grenze, drüben ist Syrien. Auch sie hat Verwandte dort. Hat sie Hoffnung? Auf offene Grenzen, auf Frieden? „Ich weiß nicht“, sagt sie. „Stellen Sie sich vor, Ihr eigener Staat bombardiert Sie mit Kampfjets. Und dann nimmt er Ihnen alles.“ Sie könne sich noch nicht freuen, sagt sie, sie schaffe es noch nicht.
Sie hat ihren Frieden noch nicht gemacht.

