Süddeutsche Zeitung

Nukleare Katastrophe in Japan:Verlorenes Land

Japan hat zugegeben, dass die Katastrophe von Fukushima genau so schlimm ist wie die von Tschernobyl, viele Menschen müssen ihre verstrahlte Heimat nun doch verlassen. Von den Nuklearbehörden wurden sie von Anfang an über das wahre Ausmaß der Katastrophe getäuscht.

Christoph Neidhart

Er hat es nicht glauben wollen, der Rinderzüchter Nagakiyo Yamada aus dem Dorf Iitate. Er solle seine wertvollen Kälber zurücklassen und endlich seinen Hof verlassen, so hatte es ihm die japanische Regierung am Dienstag verkündet. Doch Nagakiyo Yamada weigert sich. "Ich kann die Tiere nicht einfach hierlassen", sagte er der Zeitung Mainichi. "Und es ist ja auch noch gar nicht entschieden, ob und wie wir entschädigt werden."

Nagakiyo Yamada ist ein Japaner, der eigentlich weiß, was sich gehört. Seit der Havarie von Fukushima 1 hat er sich immer an die Anordnungen der Regierung gehalten, er hat die Fenster nicht mehr geöffnet, und er ist in den letzten Wochen auch nicht mehr aus dem Haus gegangen. Doch jetzt? Jetzt sollen sie weg, müssen sie weg, alle. Aber: "Wo sollen wir hin?", fragt er. Und Yamadas 80-jährige Mutter klagt: "Sogar während des Zweiten Weltkriegs durften wir ins Freie." Sie wolle hier, in dem verseuchten Land, sterben, in ihrem Land, in ihrer Heimat. Denn: "Ich bin jetzt schon verstrahlt."

Iitate ist eines der Dörfer, die evakuiert werden. Die anderen sind Katsurao, Kawamata, Namie und Teile von Minamisoma. Orte, Namen, die kaum jemand je gehört hätte, wäre nicht diese biblisch anmutende Katastrophe über sie hereingebrochen. Japans Regierung war lange Zeit auf der Seite der Menschen, wollte sie in ihrem Leben lassen. Doch die internationale Atombehörde IAEA und Greenpeace warnten immer heftiger davor, sich der unsichtbaren Gefahr auszusetzen.

Lange Zeit haben es die japanischen Nuklearexperten den Menschen in der 30-Kilometer-Zone freigestellt, ob sie sich in Sicherheit bringen wollen oder nicht. Wer nicht gehe, solle wenigstens in den Häusern bleiben. Allerdings reduzieren die hier üblichen Holzhäuser die Strahlenbelastung im Inneren nur um die Hälfte.

Doch jetzt endlich wissen es auch die Letzten: Die Katastrophe von Fukushima ist so schlimm wie die von Tschernobyl.

Was hat Tokio dazu bewogen, diese Korrektur vorzunehmen? Jetzt, nicht früher? Schließlich gibt es keinen Hinweis, dass sich die Situation der AKW-Ruine in diesen Tagen besonders verschlechtert hat.

Speedi ist ein Wort, das viele derzeit im Munde führen. Es ist ein Mess- und Computerprogramm zur Schätzung der wirklichen Verstrahlung über längere Zeiträume. Das Kürzel steht für "System for Prediction of Environment Emergency Dose Information". Seit der Havarie vom 11. März haben die Behörden für ihre Entscheidungen Speedi herangezogen, sich aber geweigert, die Resultate publik zu machen. Inzwischen veröffentlichte Speedi-Karten bestätigen die schwere Verstrahlung in nordwestlicher Richtung über den 20-Kilometer-Radius hinaus. Der Südwesten kam glimpflicher davon.

Aber warum werden die Evakuierungsanordnungen erst jetzt angepasst? Eine Evakuierung hilft, die Weiterverbreitung der Kontamination zu verringern. Sie stoppt den Verkehr in die verstrahlten Orte und verhindert, dass verseuchte Produkte wie Gemüse in Umlauf geraten. Zudem ist es einfacher, evakuierte Orte und Felder zu dekontaminieren.

Die hohe Verstrahlung der ersten Woche rührte von Jod-131 her, Jod-131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen. Die Nuklearbehörden beruhigten deshalb die Öffentlichkeit, die Jod-131-Strahlung klinge binnen weniger Monate ab. Das stimmt. Doch erst jüngst räumten die Behörden dann ein, dass auch 80 Prozent der Strahlung von Cäsium-Isotopen mit Halbwertszeiten von zwei bis dreißig Jahren stammten. Die gegenwärtige Strahlendosis wird somit über lange Zeit ziemlich konstant bleiben. Was bedeutet: Eine Rückkehr in die evakuierten Dörfer ist für viele Menschen in ihrem Leben nicht mehr möglich.

Das Muster der Katastrophe

Die Nuklearbehörden müssen von Anfang an um den hohen Cäsium-Anteil der Kontamination gewusst haben. Warum sie mit den Evakuierungen dennoch so lange gezögert haben, dafür gibt es keine Erklärung. Doch es ist ein Muster, das sich in dieser Katastrophe ständig wiederholt.

Schon am Morgen des 12. März ahnte die US-Armee, dass die Betreiberfirma Tepco den Meiler, dessen Kühlsysteme ausgefallen waren, nicht unter Kontrolle bringen würde. Admiral Robert Willard, der Kommandant der US-Pazifikflotte, verlangte von General Ryoichi Oriki, dem Oberkommandierenden der japanischen Armee, im Namen des Weißen Hauses konkrete Informationen. Oriki antwortete, dass die Experten die Lage studierten.

Am selben Tag bot US-Botschafter John Ross der japanischen Regierung Hilfe an, er wollte US-Strahlenexperten ins Amt des Premierministers schicken. Die Experten hätten es nicht weit gehabt, sie waren auf einem Stützpunkt in Japan stationiert. Kabinettssprecher Yukio Edano lehnte ab.

Washington stellte sofort einen Krisenstab zusammen und drängte Premier Naoto Kan, die Stabilisierung des Meilers nicht Tepco zu überlassen, wie die Tageszeitung Yomiuri am Dienstag schrieb. Schon am 12. März hätten die USA vor Wasserstoff-Explosionen gewarnt und mehrere Worst-Case-Szenarien erarbeitet. Eines ging von einer Kernschmelze im Reaktor 2 aus mit der Emission enormer Mengen von Radioaktivität. US-Vizeaußenminister Kurt Campbell drohte Japans Botschafter in Washington sogar, wenn Kan nicht energisch handle, werde Washington alle US-Bürger aus Japan evakuieren.

Kan wartete 100 Stunden, exakt bis nach der vierten Explosion in Fukushima 1, bis er Tepco seinem Kommando unterstellte.

Man hört, Präsident Nicolas Sarkozy habe seinen Blitzbesuch in Tokio vorletztes Wochenende nur gemacht, um Kan ins Gewissen zu reden. Neben der Gefahr einer Verstrahlung großer Gebiete fürchteten Washington und Paris, Fukushima bringe auch für sie schwere Nachteile - das allmähliche Ende der Atomenergie.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1084492
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 13.04.2011/afis
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.