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NSU-Prozess:Reue, Trotz und Propaganda

NSU-Prozess

Auf der Anklagebank im NSU-Prozess sitzt Beate Zschäpe in der ersten Reihe.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die mutmaßlichen Helfer des NSU verteidigen sich höchst unterschiedlich - mit teils bizarren Thesen.

Die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wird seit Mai 2013 vor dem Oberlandesgericht in München verhandelt. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe, der unter anderem die Mittäterschaft an zehn Morden und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird. Die anderen beiden NSU-Mitglieder, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind tot, sie sollen Suizid begangen haben. Trotzdem sitzt Zschäpe nicht allein auf der Anklagebank: In dem Prozess müssen sich noch vier weitere mutmaßliche Unterstützer der Terrorzelle verantworten.

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Mehr als fünf Jahre hat Annette Ramelsberger für die SZ den NSU-Prozess begleitet. "Der NSU ist nicht vorbei", sagt sie in einem ausführlichen Interview mit dem ARD-Magazin Panorama.

Carsten S.

Die Ankläger werfen dem heute 37 Jahre alten Carsten S. Beihilfe zum Mord an neun Menschen vor, weil er die Tatwaffe Ceska, mit der der NSU neun Migranten erschoss, an die Bande übergeben hat. Er war damals 20 Jahre alt und stieg kurz darauf aus der rechten Szene aus, fing in Düsseldorf ein neues Leben an in der schwul-alternativen Szene. Doch die Tat holte ihn elf Jahre später ein. Er stellte sich als Kronzeuge zur Verfügung, gab alles zu und belastete sich und vor allem den Mitangeklagten Ralf Wohlleben schwer, dessen Adlatus er in der rechten Szene gewesen war. Carsten S. lebt seit sechs Jahren im Zeugenschutzprogramm und wird als Verräter beschimpft.

NSU-Prozess Carsten S Waffe Plädoyer

Die Verteidiger Johannes Pausch (links) und Jacob Hösl neben ihrem Mandanten Carsten S., der im Zeugenschutzprogamm ist und deswegen Kapuze trägt.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Die Bundesanwaltschaft fordert für ihn drei Jahre Haft und wirft ihm vor, er habe es für möglich gehalten und billigend in Kauf genommen, dass Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe mit dieser Waffe Menschen töten würden. Ein psychiatrischer Sachverständiger gestand Carsten S. eine Entwicklungsverzögerung zu, sodass er nach Jugendstrafrecht verurteilt werden kann. Das drückt die Strafforderung für ihn erheblich.

Seine Verteidiger fordern für ihn dagegen Freispruch. Sie sehen keinen bedingten Vorsatz bei der Übergabe der Waffe. Carsten S. sei es nicht egal gewesen, was die NSU-Leute mit der Waffe machten, er habe es ihnen einfach nicht zugetraut. Carsten S. ist sichtbar voll Reue. Es belaste ihren Mandanten sehr, dass er in all den Jahren nie zur Polizei gegangen sei, sagen seine Anwälte. Er hat sich außerhalb des Prozesses mit Angehörigen der Mordopfer getroffen. Die baten um eine milde Strafe, sein Gewissen habe ihm "bereits den größten Teil seiner Strafe auferlegt".

Ralf Wohlleben

Ralf Wohlleben, ein ehemaliger NPD-Funktionär, gibt sich vor Gericht als friedliebender Patriot. Die Neonazi-Szene hält dem 43-Jährigen auch nach mehr als sechs Jahren Untersuchungshaft die Treue und unterstützt ihn mit "Freiheit für Wolle"-T-Shirts. Er dankt es mit Beteuerungen, dass sich seine politische Einstellung nicht geändert habe.

NSU-Prozess

Der Angeklagte Ralf Wohlleben im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München.

(Foto: dpa)

Mindestens drei Jahre lang soll Wohlleben die mutmaßlichen NSU-Terroristen im Untergrund unterstützt haben. Er soll die Hilfe für Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt organisiert und koordiniert haben. Zwölf Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen fordert die Bundesanwaltschaft für ihn. Denn Wohlleben soll auch maßgeblich an der Beschaffung der Mordwaffe beteiligt gewesen sein. Er bestreitet, von den Verbrechen gewusst zu haben. Er behauptet zudem, dass er den Untergetauchten gerade keine Waffe besorgen wollte, angeblich aus Sorge, Böhnhardt könnte sich selbst töten. Seine Verteidiger versuchten zudem anzuzweifeln, dass die Waffe tatsächlich die Mordwaffe war. Sie fordern Freispruch für ihren Mandanten.

Insgesamt 46 Befangenheitsanträge gegen die Richter hat es im NSU-Prozess gegeben. Die meisten kamen von Wohllebens Anwälten. Erfolg hatte keiner. Die Anwälte provozierten mit Neonazi-Propaganda, die sie in Beweisanträge kleideten. Einmal wollten sie einen angeblichen Demografie-Experten als Zeugen hören, der bekunden sollte, dass "massenhaftes Einwandern Nichtdeutscher" dazu führe, dass den Deutschen der "Volkstod" drohe - eine beliebte Parole in der rechten Szene.

Verteidiger Wolfram Nahrath spickte sein Plädoyer sogar mit Hitler-Zitaten. Tatsächlich war es weniger ein Plädoyer für seinen Mandanten, als vielmehr der Versuch eines Plädoyers für den Nationalsozialismus. Nahrath wollte den Nationalsozialismus als eine Art menschenfreundliche Ideologie darstellen - indem er Hitler unter anderen mit den Worten zitierte: "Ich will den Frieden." Über Ausführungen zur sogenannten Rassenkunde kam Nahrath zu dem Schluss, dass es sich bei Mundlos und Böhnhardt um Psychopathen, nicht um Neonazis gehandelt habe.