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NSU-Prozess:Zschäpe treibt Anwaltsstreit auf die Spitze

  • Schon seit Monaten versucht Beate Zschäpe, die Pflichtverteidiger Sturm, Stahl und Heer loszuwerden. Jetzt hat sie diese wegen Verletzung von Privatgeheimnissen angezeigt.
  • Hintergrund sind offenbar Gespräche der drei Anwälte mit Richter Manfred Götzl - kurz bevor der vierte Pflichtverteidiger Mathias Grasel bestellt wurde.
  • Der Konflikt zwischen Zschäpe und ihren Anwälten ist vor allem für die Familien der Opfer schwer zu ertragen.

Von Tanjev Schultz

Anwälte nennen Vorwürfe "haltlos"

Jetzt wird es richtig hässlich im Streit zwischen Beate Zschäpe und ihren Anwälten. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess lässt den Konflikt weiter eskalieren: Sie hat die Anwälte Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm angezeigt. Der Vorwurf nach Paragraf 203 des Strafgesetzbuchs lautet: Verletzung von Privatgeheimnissen. Ein Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft bestätigte am Freitag den Eingang der Strafanzeige. Die drei Anwälte wiesen den Vorwurf als "haltlos" zurück.

Schon seit Monaten versucht Zschäpe, die drei Pflichtverteidiger loszuwerden. Zuletzt hatten diese auch selbst beantragt, von dem Mandat entbunden zu werden. Das Oberlandesgericht München sah jedoch keine ausreichende Grundlage dafür. Es bestellte für Zschäpe allerdings einen zusätzlichen, vierten Anwalt, den jungen Münchner Mathias Grasel. Er genießt derzeit das Vertrauen der Angeklagten. Zu der Strafanzeige gegen seine Kollegen wollte er nicht Stellung nehmen.

Skepsis gegen Bestellung eines weiteren Verteidigers

Wolfgang Stahl sagte, es befremde ihn, dass Grasel bereits vor Tagen Erwägungen zu einer Anzeige in einer Boulevardzeitung kommentiert habe. Hintergrund der Vorwürfe gegen Stahl und seine Kollegen sind offenbar Gespräche, die sie mit dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl außerhalb der Hauptverhandlung geführt hatten. Darin ging es ausweislich von Götzls Notizen, die dieser selbst in die Verhandlung einführte, unter anderem um die Bestellung des vierten Pflichtverteidigers. Die Haltung der drei Anwälte zu Götzls Plan war von großer Skepsis geprägt. Nun gibt ihnen die aktuelle Entwicklung in gewisser Weise recht.

Angeblich wusste Zschäpe von den Gesprächen nichts und fühlt sich deshalb hintergangen. Entsprechend äußerte sich Grasel in der Hauptverhandlung. Nun geht seine Mandantin aber noch einen Schritt weiter und macht den Vorfall zum Thema einer Strafanzeige. Ob die Staatsanwaltschaft überhaupt Ermittlungen einleiten wird, ist noch offen. Bisher prüft sie noch.

Viele Prozessbeteiligte sind mittlerweile entnervt von dem zähen Konflikt zwischen der Hauptangeklagten und ihren Verteidigern. Richter Götzl ist sichtlich bemüht, ein Platzen des Prozesses um fast jeden Preis zu verhindern. Es sieht indes so aus, als wollte Zschäpe den Streit auf keinen Fall beilegen, sondern auf die Spitze treiben. Das ist vor allem für die Familien der Opfer schwer zu ertragen.

© SZ.de/mane/mati

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