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NSU-Prozess:Zschäpe sucht den Blickkontakt

Defense Enters Pleas In Marathon NSU Trial

Die Angeklagte Beate Zschäpe betritt den Gerichtssaal.

(Foto: Getty Images)
  • Die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe hatte sich mit ihren drei ursprünglichen Verteidigern Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm überworfen.
  • Doch Heer überzeugte sie mit seinem dreitägigen Plädoyer: Zschäpe sei keine Terroristin, keine Mörderin, keine Attentäterin.
  • Zschäpe reagiert begeistert und sucht die Annäherung an den Altverteidiger. Kommende Woche plädieren noch Stahl und Sturm.

Beate Zschäpe wirkt ganz aus dem Häuschen. Sie springt von ihrem Platz auf, lacht, redet auf die Menschen um sie herum ein. Ihr Laptop piept, der Akku scheint kaputt. Während sie lacht und redet, sucht sie permanent den Blick ihres Altverteidigers Wolfgang Heer.

Doch Heer bekommt von alldem nichts mit. Er hat Zschäpe den Rücken zugewandt und heftet sein Plädoyer in einem Ordner ab. An Zschäpes Ausgelassenheit dürfte er entscheidenden Anteil haben. Nach Jahren der Funkstille sucht sie nun wieder den Kontakt zu ihm. Er merkt es nicht.

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Drei Tage lang hat sich Zschäpes Altverteidiger vor dem Oberlandesgericht München für sie ins Zeug gelegt. Gleich zu Beginn - am Dienstag - hat er die Freilassung seiner Mandantin aus der Untersuchungshaft gefordert. Nach Ansicht der Verteidiger Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm bleibt nach gut fünf Jahren Prozess von den Anklagevorwürfen der Mittäterschaft an zehn überwiegend rassistisch motivierten Morden, Dutzenden Mordversuchen, zwei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen sowie der Gründung der rechtsterroristischen Vereinigung NSU und der besonders schweren Brandstiftung so gut wie nichts übrig. Einfache Brandstiftung, mehr nicht, meinen sie.

Zwei Tage lang sprach Heer allein über Zschäpes Brandstiftung in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. Angeklagt ist die 43-Jährige in diesem Fall wegen besonders schwerer Brandstiftung. Heer gibt sich alle Mühe, das Gericht davon zu überzeugen, dass es doch nur eine einfache war. In der Frühlingsstraße hat Zschäpe mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelebt. Nach dem Tod der Uwes hat sie in der Wohnung Benzin verschüttet und es angezündet. Das hat sie gestanden. Die Wohnung wurde vollständig zerstört. Heer trug vor, warum Zschäpe auch nicht wegen versuchten Mordes an ihrer alten Nachbarin und zwei Handwerkern zu verurteilen sei. Auf einfache Brandstiftung stehen ein Jahr bis zehn Jahre Haft. Seit sechseinhalb Jahren ist Zschäpe in U-Haft, die Strafe sei also quasi bereits vollstreckt, sagt Heer.

Zschäpe sei keine Terroristin, keine Mörderin, keine Attentäterin - auch das hat der Verteidiger gleich zu Beginn seines Schlussvortrags gesagt. Heers Kollegen Stahl und Sturm werden dazu in der kommenden Woche weitere Ausführungen in ihren Plädoyers machen. Stahl soll am Dienstag, Sturm voraussichtlich am Mittwoch und Donnerstag sprechen.

Die drei Anwälte haben Zschäpe von Beginn an im NSU-Prozess verteidigt. Im Sommer 2015 kam es zum Bruch. Zschäpe bekam mit Mathias Grasel einen neuen, einen vierten Pflichtverteidiger und holte sich noch Hermann Borchert als Wahlverteidiger hinzu. Fortan sprach sie nur noch mit den beiden. Heer, Stahl und Sturm verteidigten sie weiter, ob sie wollte oder nicht. Bis Dienstag wollte sie nicht. Sie würdigte ihre Altverteidiger keines Blickes mehr. Seit Heers Plädoyer zeigt sie erstmals wieder Zeichen der Annäherung.

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