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NSU-Prozess:Zigaretten, Kaffee und germanische Götter

Wiedersehen mit der Jugendliebe: Im NSU-Prozess erzählt die nach England ausgewanderte Anja S. offen über ihre gemeinsame Zeit mit dem Angeklagten André E. Sie schildert seine extremen politischen Ansichten und erinnert sich auch an Treffen mit den untergetauchten NSU-Terroristen.

Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Nach all den Zeugen, die im Gerichtssaal herumdrucksten, mauerten, sich nicht erinnerten, tritt im NSU-Prozess eine Frau auf, die halbwegs unbefangen wirkt und offen erzählt, was sie noch weiß. Anja S., 32, ist im Erzgebirge aufgewachsen, ihre Sprache ist aber mittlerweile leicht angehaucht von einem britischen Akzent. Anja S. lebt seit fast zehn Jahren in England, sie hat in Hotels gearbeitet, derzeit ist sie Studentin. Sie trägt lange blonde Haare und bunte Armbänder, mit denen sie während der Befragung nervös herumspielt.

Zum ersten Mal seit langer Zeit sieht sie André E. wieder, einen der Angeklagten im NSU-Verfahren. André E. muss einer der engsten Freunde der Terroristen gewesen sein, in seiner Zwickauer Wohnung fand die Polizei eine Art Schrein mit einer Porträtzeichnung, die Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zeigt, die beiden Neonazis, die sich 2011 selbst erschossen hatten. Laut Anklage soll André E. den NSU unterstützt, bei der Tarnung geholfen und Wohnmobile angemietet haben. Er hatte die Untergetauchten bereits in Chemnitz kennengelernt, wohin sie zuerst geflohen waren, bevor sie später nach Zwickau zogen. André E. kommt aus Johanngeorgenstadt, er lebt jetzt in Zwickau, früher zog es ihn oft nach Chemnitz. Dort traf er 1998/99 regelmäßig seine Jugendliebe Anja S.

Sie war erst 15, als sie André E. auf einer Kirmes kennenlernte. Ihre Eltern haben Anja S. verboten, den Freund zu treffen, also tat sie es heimlich. Damit sie sich sehen konnten, übernachtete André E. oft bei Mandy S., die zur rechten Szene gehörte und die das untergetauchte Trio in der Wohnung ihres Freundes einquartiert hatte. So lernte Anja S. offenbar auch Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe kennen. Sie habe die drei sofort wiedererkannt, als der NSU entdeckt wurde. Gemeinsam mit André sei sie ein paar Mal bei dem Trio zu Besuch gewesen. "Ich weiß, dass ich mal Kaffee mitgebracht habe. Mir war auch bewusst, dass die drei nicht viel rausgehen." Es sei eine kleine Wohnung gewesen, es habe da ziemlich "gelebt" drin ausgesehen. Ihr sei klar gewesen, dass sich das Trio "verstecken musste und den Ball flachhalten musste für eine Weile". Mehr habe sie nicht erfahren. Man habe gemeinsam Kaffee getrunken "und geraucht wie die Stadtsoldaten".

Dass André E. und seine Freunde Skinheads waren, hatte Anja S. zunächst nicht abgeschreckt. Menschen mit rechtsradikaler Gesinnung waren für sie normal. Auch ihr Stiefvater sei "extrem" gewesen, er habe ein Problem mit Juden gehabt. Im Erzgebirge sei kaum jemand zu finden gewesen, der nicht schlecht über Ausländer gesprochen hätte, sagt die Zeugin.

"Unheimlich lieb und nett"

Bei André E. und seinen Freunden sei über germanische Götter gesprochen worden, über Ausländer, und was nur aus Deutschland werden sollte. "Da war viel Negativität", sagt die 32-Jährige. Sie fuhr mal mit zu einem Rechtsrock-Konzert, das ihr jedoch überhaupt nicht gefallen habe. Betrunkene, wild hüpfende Neonazis waren nicht nach ihrem Geschmack. Einige hätten den Hitler-Gruß gezeigt. Auch André E.? "Ich denke schon", sagt die Zeugin, ganz sicher ist sie sich nicht. Die Texte der Lieder kann sie nicht mehr wiedergeben. "Da versteht man ja kein Wort, Herr Richter!"

André E. sei zwar immer "unheimlich lieb und nett" zu ihr gewesen, er habe sich sogar ihre Initialen auf die Brust tätowieren lassen. Dort, wo das Herz sitzt. Die Initialen von Anja S. waren damals noch A. H., was für einen Neonazi auch andere Assoziationen zulässt. Der Zeugin werden Fotos ihres Ex-Freundes und seiner zahlreichen Tattoos gezeigt. Einige erkennt sie wieder, andere stammen offenbar aus einer späteren Zeit, etwa der Schriftzug "Die Jew Die" ("Stirb Jude, stirb") auf dem Bauch. André E. verfolgt die Zeugenbefragung die meiste Zeit mit verschränkten Armen und einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht. Wie Beate Zschäpe schweigt er zu allen Vorwürfen.

Im Frühjahr 1999 trennte sich Anja S. von dem Neonazi. Sie wollte Spaß haben, die Welt entdecken, nicht ständig am Gestern kleben. André sei extrem in seinen Ansichten gewesen, auch darin, was man tun und lassen müsse. "Da hatte ich keine Lust mehr", sagt Anja S. Sie habe sich ihre Freunde auch nicht nach der Hautfarbe aussuchen wollen.

© SZ.de/mane

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