NSU-Prozess Ralf Wohllebens Aussage war deutlich ausgefeilter als Zschäpes

  • Auch Ralf Wohlleben sagt im NSU-Prozess aus, im Gegensatz zu Beate Zschäpe spricht er selbst.
  • Er habe Mundlos und Böhnhardt keine Morde zugetraut. Sonst hätte er ihnen im Untergrund nicht geholfen, sagt der Angeklagte.
  • Wohlleben streitet ab, die Mordwaffe für den NSU beschafft zu haben. An seiner rechten Ideolgie hält er allerdings fest.
Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz

Er spricht selbst. Anders als Beate Zschäpe hat sich der Angeklagte Ralf Wohlleben dazu entschieden, persönlich die Stimme zu erheben. Und überraschend nutzt er den 251. Tag im NSU-Prozess zu einer langen Aussage. Der Tenor: Er habe Zschäpe und ihren Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zwar bei der Flucht geholfen. Aber er war keineswegs der große Koordinator, wie ihm das die Anklage vorwirft. Und auch was die Waffe betrifft, mit der Böhnhardt und Mundlos neun Migranten ermordeten, widerspricht Wohlleben den Ermittlern.

Der frühere NPD-Funktionär bestreitet zwar nicht, dass einmal eine Waffe mit einem Schalldämpfer an Böhnhardt geliefert wurde. Doch er streut Zweifel daran, dass es tatsächlich jene Česká-Pistole war, mit der die Terroristen später neun Migranten ermordeten. Und Wohlleben sagt außerdem, er habe niemals damit gerechnet, dass die ehemaligen Freunde vorhatten, andere zu töten. Er habe gedacht, Böhnhardt wollte nur deshalb eine scharfe Pistole haben, damit er sich notfalls selbst erschießen könne. So hat es Böhnhardt angeblich angekündigt für den Fall, dass er von der Polizei entdeckt wird.

Es ist eine geschickte Erklärung, die Wohlleben abgibt - wesentlich ausgefeilter als die von Beate Zschäpe. Am Schluss sagte Wohlleben: "Ich bin entsetzt, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kaltblütig Menschen ermordet haben. Ich kann es kaum glauben und habe kein Verständnis dafür."

Angriffe "sogenannter Antifaschisten"

Angeblich war Wohlleben stets gegen die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Durch seine Erklärung zieht sich als durchgängiges Muster die Klage über Angriffe "sogenannter Antifaschisten", die Wohlleben und dessen Freunde immer wieder attackiert hätten.

NSU Wohlleben bestreitet, Pistole für NSU beschafft zu haben
München

Wohlleben bestreitet, Pistole für NSU beschafft zu haben

Der mutmaßliche Terrorhelfer äußerte sich zum ersten Mal. Im Gegensatz zu Beate Zschäpe sprach er selbst. Den Vorwurf der Beihilfe zum Mord weist er zurück.

Zum untergetauchten Trio sagt er: "Ich war mit ihnen befreundet und habe sie nur deshalb bei der Flucht unterstützt. Hätte ich gewusst, wie sie sich entwickeln, hätte ich ihnen nicht geholfen. Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl."

Wohlleben macht aber auch deutlich, dass er weiterhin zur rechten Szene gehören will. Im Zuschauerbereich sitzen seine Anhänger, und Wohlleben nutzt seinen Auftritt auch, um einen Propaganda-Film im Gerichtssaal vorzuspielen, in dem Rechtsradikale auf den Kapitalismus schimpfen und so tun, als seien sie gar keine Ausländerhasser. Es solle halt nur jede Kultur und jeder Mensch da bleiben, wo sie hingehören. Wohlleben war und ist ein rechter Ideologe durch und durch.

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Zehn Menschen sind gestorben, Dutzende wurden verletzt: 13 Jahre zog der NSU mordend durch Deutschland. Längst sind die Toten begraben, doch an den Tatorten haben die Menschen noch immer Angst. Zum NSU-Prozess hat die SZ diese Orte besucht. Eine interaktive Reise auf den Spuren des rechten Terrors.   Von Annette Ramelsberger (Text), Regina Schmeken und Jürgen Schrader (Fotos)

Vom NSU und dessen Verbrechen hat Wohlleben angeblich bis zum Auffliegen der Täter im November 2011 nichts gewusst. Unerklärlich sei ihm, dass der Staat das Trio trotz der vielen Spitzel in der rechten Szene nicht gefunden habe. Mehrmals nennt er in seiner Erklärung den früheren V-Mann Tino Brandt, der für den Verfassungsschutz in Thüringen arbeitete, als diejenige Person, die nach der Flucht des Trios maßgeblich für Hilfe gesorgt hätte. Wohlleben behauptet, auch das Geld für die gelieferte Pistole mit dem Schalldämpfer habe womöglich Brandt bereitgestellt. Er jedenfalls, sagt Wohlleben über sich selbst, habe kein Geld dafür gehabt.

Wohlleben bestreitet Beschaffung der Mordwaffe

Wohlleben widerspricht vielen Aussagen, die der Mitangeklagte Carsten S. zu Beginn des Prozesses gemacht hat. Carsten S. ist ein Aussteiger aus der rechten Szene, der damals die Česká-Pistole als eine Art Kurier zu Mundlos und Böhnhardt gebracht haben will. Nach der Aussage von S. war es Wohlleben, der ihm dafür den Auftrag gegeben hat. Der bestreitet das nun.

Wohlleben gibt lediglich zu, dass Böhnhardt ihn einmal darum gebeten habe, eine Waffe zu besorgen - und zwar ein deutsches Fabrikat. Wohlleben habe abgewehrt. Er kenne sich doch nicht aus mit Waffen, und er habe auch nicht schuld am Suizid von Böhnhardt sein wollen. Und so soll dann Carsten S. von Böhnhardt oder Mundlos direkt den Auftrag zum Waffenkauf bekommen haben - nicht von Wohlleben.

Nun steht Aussage gegen Aussage. "Die Frage ist, wem das Gericht am Ende glaubt", sagt der Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer. Plausibel sei die Erklärung von Wohlleben nicht. Denn er stilisiert sich und die gesamte Jenaer Naziszene selbst zu Opfern von staatlicher Verfolgung und angeblicher linker Gewalt.

NSU-Prozess Die zentralen Passagen aus Zschäpes Erklärung

NSU-Prozess

Die zentralen Passagen aus Zschäpes Erklärung

Die Stellungnahme umfasst 53 Seiten. Eine Auswahl ihrer Aussagen zu den Morden, Sprengstoffanschlägen und dem Leben mit Böhnhardt und Mundlos.   Zusammengestellt von Oliver Das Gupta