NSU-Prozess "Unglaubliches Leid"

Carsten S. entschuldigt sich bei Angehörigen der NSU-Opfer. Die Entschuldigung kommt stockend, in ihrer Unbeholfenheit wirkt sie aber ehrlich und authentisch. Einige Anwälte hingegen nutzen den Prozess, um sich in Szene zu setzen. Es kommt zum Streit zwischen Wohllebens Verteidiger und einem Nebenklage-Anwalt.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Seit acht Prozesstagen gräbt der Angeklagte Carsten S. in seinen Erinnerungen. Es ist ihm anzusehen, wie sehr das an ihm zehrt und wie schwer es ihm fällt, sich hineinzuversetzen in die Zeit, in der er den NSU-Terroristen half. Damals, um die Jahrtausendwende, hielt er den Kontakt zu den Untergetauchten und besorgte ihnen eine Waffe. Dann stieg er aus der rechten Szene aus.

Am Mittwoch, nach stundenlanger Befragung zu vielen Details, will Carsten S. etwas Besonderes sagen. Es ist nun sehr still im Saal, Carsten S. knetet seine Hände. Er ringt um Worte, das sagt er auch selbst, als er den Familien der Opfer sein Mitgefühl ausdrückt: "Ich kann nicht ermessen, was Ihren Angehörigen für unglaubliches Leid angetan wurde . . . Sie als Angehörige . . . mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie ich dafür empfinde."

Der 33-Jährige setzt neu an, stockt wieder: "Da finde ich nicht die passenden Worte, was das in mir auslöst. Ich bin mir auch absolut nicht sicher, ich denk mir, eine Entschuldigung wäre zu wenig, eine Entschuldigung klingt für mich wie ein ,Sorry', dann ist es vorbei. Aber es ist noch lange nicht vorbei. Ich wollte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken."

Carsten S. sitzt sichtlich erschöpft da, leicht gebeugt. Im Saal klingen die Worte des schlanken Mannes eine Weile nach, sie wirkten ehrlich und authentisch in ihrer Unbeholfenheit. Es gibt eine Pause, anschließend geht die Befragung weiter. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe sitzt nun starr da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Zeigefinger über den Mund gelegt. Dann ändert sie die Haltung, verschränkt die Arme und schaut ins Leere.

Carsten S. muss sich sammeln, denn Bundesanwalt Jochen Weingarten stellt ihm noch eine ziemlich heikle Frage. Es geht um den Zeitpunkt, zu dem sich Carsten S. entschlossen hat, aus der Neonazi-Szene auszusteigen. Verschiedene Angaben von S. lassen die Möglichkeit zu, dass dies ausgerechnet dann geschah, als der NSU im September 2000 in Nürnberg seinen mutmaßlich ersten Mord begangen hatte. "Gibt es da einen inneren Zusammenhang zu Ihrem Entschluss auszusteigen?", fragt der Bundesanwalt. "Nein", antwortet Carsten S. knapp. Nach seiner Version wusste er gar nicht, wofür die Terroristen die Waffe verwendeten, die er ihnen geliefert hatte. Carsten S. ist wegen Beihilfe zu Mord in neun Fällen angeklagt.

"Wollen Sie sich hier inszenieren?"

Die Befragung von Carsten S. durch die vielen Nebenklage-Vertreter war in dieser Woche zeitweise zäh, was auch an der Qualität der Fragen lag. Richter Manfred Götzl musste mehrmals dazu mahnen, präziser zu sein und Suggestivfragen zu vermeiden. Manchmal streng, manchmal sanft erteilt Götzl Lektionen in der Kunst des Fragens. Bisweilen wirkt er amüsiert, dann aber verliert er doch die Geduld und raunzt einen Anwalt an: "Wollen Sie sich hier inszenieren?"

Am Mittwoch gibt es zudem ein verbales Scharmützel zwischen Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke und dem Nebenklage-Anwalt Reinhard Schön. Schön will S. fragen, wie in Neonazi-Kreisen über Gewalt diskutiert wurde. Klemke hält das Wort "Neonazi-Kreise" für unklar. Schön wehrt sich, es wird persönlich. Man kann ihn so verstehen, als beziehe er den Begriff jetzt auch auf Klemke. Der fragt empört: "Wen meinen Sie denn? Mich?" Schön antwortet: "Überprüfen Sie mal Ihre eigenen Aktivitäten und die Ihrer Kollegin!"

Es ist eine Anspielung darauf, dass Klemke nicht zum ersten Mal einen Mandanten aus der rechten Szene verteidigt und seine Kollegin Nicole Schneiders früher aktiv in der NPD war. Klemke droht Schön mit einer Anzeige, der zeigt sich unbeeindruckt. Er sei gegen "Scheinheiligkeit". Richter Götzl lässt pausieren und erinnert Schön daran, dass es im Moment ja nicht um Herrn Klemke gehe, sondern um Carsten S.: "Wir wollen die Sache jetzt versachlichen." S. kann also weiter befragt werden. Ein Anwalt will wissen, ob S. eine Verantwortung dafür spüre, dass er den Behörden nicht früher etwas mitgeteilt habe, das zur Festnahme der NSU-Mitglieder hätte führen können? "Ja", sagt Carsten S., ohne Zögern.