NSU-Prozess:Tod von V-Mann "Corelli" wirft Fragen auf

Lesezeit: 4 min

Im NSU-Fall tauchen immer wieder neue Fragen auf. Wusste der V-Mann "Corelli" mehr, als er zugab? Der frühere Spitzel aus der rechten Szene ist überraschend gestorben. Statt der erhofften Antworten gibt es nun Spekulationen.

Von Tanjev Schultz

Diabetes kann eine tückische Krankheit sein, er ist eine der weltweit häufigsten Todesursachen. Besonders gefährdet sind Menschen, bei denen der Diabetes gar nicht erkannt worden ist. So soll es beim Spitzel "Corelli" gewesen sein, einem Neonazi, der jahrelang dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu Diensten war. Thomas R. alias Corelli befand sich im Zeugenschutzprogramm, als er Anfang April tot aufgefunden wurde. Im NSU-Fall hätte es noch einige Fragen an den 39-Jährigen gegeben, nun gibt es statt dieser Antworten Spekulationen über den Todesfall.

Amtliche Untersuchungen laufen, bisher soll es keinerlei Anzeichen für eine Fremdeinwirkung geben. Am Rande des NSU-Prozesses wird über den Fall geredet und getuschelt. Der Spiegel fragt, ob Corelli womöglich dem NSU bei der Produktion seiner Bekenner-DVD geholfen habe. Dass die Terroristen solche Hilfe nötig hatten, wäre allerdings verwunderlich. Der Neonazi Uwe Mundlos kannte sich selbst hervorragend mit Computern und Software aus.

Im Zuge von Recherchen zum NSU war Corelli vor zwei Jahren enttarnt worden. Um ihn vor möglichen Racheakten zu schützen, half ihm der Geheimdienst, neu anzufangen. Doch Corelli blieb im Fokus von Medien und Ermittlern. Wie der Spiegel berichtet, wurde dem Hamburger Verfassungsschutz im Februar eine CD mit rechtsextremistischem Material zugespielt, das zum Teil Corelli zugeordnet werden könne. Die CD sei beschriftet gewesen mit dem Titel "NSU/NSDAP" - und angeblich spätestens im Jahr 2006 fertiggestellt worden. In einigen Texten sei von einem "Nationalsozialistischen Untergrund" die Rede. Unklar sei, ob damit die rechte Terrorgruppe NSU gemeint war, der zehn Morde angelastet werden.

Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht war Corelli nicht als Zeuge vorgesehen, aber das BKA hat ihn zweimal zum NSU vernommen. Für eine erneute Befragung kamen die Ermittler zu spät. Corelli soll tot in einer Wohnung im Landkreis Paderborn gefunden worden. Zuvor hatte Thomas R. in Leipzig gewohnt. Wer die Leiche fand und wie die Ergebnisse der Obduktion ausgefallen sind, ist bisher nicht bekannt.

Spitzenquelle "HJ Tommy"

Ein Beamter des Bundesamts bezeichnete Corelli im vergangenen Jahr als "Spitzenquelle". Thomas R. bekam etwa zehn Jahre lang Geld für seine Informantentätigkeit. Er verriet Interna über die rechtsextreme Szene in Sachsen-Anhalt und in Sachsen, über die bundesweite Organisation "Blood & Honour" und einen deutschen Ableger des Ku Klux Klan. Thomas R. war gut vernetzt, viele braune Kameraden kannten ihn unter dem Spitznamen "HJ Tommy". Als ihn das BKA voriges Jahr befragte, tischte Thomas R. den Beamten eine interessante Erklärung für den Spitznamen auf: "HJ" stehe nicht etwa für die Hitlerjugend, es bedeute lediglich "Hallescher Junge". Er sei ja in Halle aufgewachsen.

Auch bei anderen Antworten hatten die Ermittler Grund, an der Ehrlichkeit des ehemaligen V-Mannes zu zweifeln. Er behauptete, das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ausschließlich aus den Medien zu kennen. Corellis früheres Postfach stand jedoch auf einer Kontaktliste von Mundlos, die 1998 bei einer Razzia sichergestellt wurde. Wie kam Thomas R. alias Corelli auf die Liste? Seine Erklärung: Er habe mit Demo-Bändern gehandelt, also mit Musik für Neonazis. Es sei eine Art Tauschbörse gewesen, für die sich Mundlos interessiert habe. Persönlich getroffen habe er ihn aber nie.

Wie viel wusste Thomas R.?

Es gibt allerdings eine Meldung aus dem Jahr 1995, in der Corelli dem Verfassungsschutz von einem geplanten Skin-Konzert in Dresden berichtete. Die Information will er von Uwe Mundlos erhalten haben. Außerdem berichtete Corelli, durch den Kontakt zu Mundlos habe er erfahren, dass etwa 30 Personen die "Kameradschaft Jena" gebildet hätten. Ein Geheimdienst-Mann vermutete, Corelli könnte Mundlos bei der Bundeswehr begegnet sein. Corelli bestritt, dass er es war, der damals die entsprechenden Meldungen beim Verfassungschutz gemacht hatte.

Beamte gehen davon aus, dass Mundlos und Thomas R. sich mindestens einmal getroffen und dabei ihre Adressen ausgetauscht haben. Offenbar hat der Verfassungsschutz später, als Mundlos in den Untergrund abgetaucht war, wenig oder nichts unternommen, um seine angeblich so gute Quelle namens Corelli bei der Suche einzusetzen.

Stattdessen trieb sich der Spitzel unter anderem beim Ku Klux Klan herum, der nach der Jahrtausendwende sogar baden-württembergische Polizisten anlockte. Es ist wahrscheinlich, dass der V-Mann damals gezielt vom Bundesamt auf den rassistischen Geheimbund angesetzt worden ist. Ein Geheimdienst-Mann spricht davon, Corelli sei wohl in diese Richtung "angestupst" worden. Immerhin trug dies dazu bei, dass den Behörden die Mitgliedschaft der Polizisten bekannt wurde. Die Öffentlichkeit erfuhr davon indes erst Jahre später.

Allzu vertrauensvolles Verhältnis

Beim Inlandsgeheimdienst hielt man Corelli für zuverlässig. Es entwickelte sich ein nicht ungefährliches, allzu vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem V-Mann und seinem V-Mann-Führer, also dem Beamten, der sich regelmäßig mit Corelli traf. Sogar einem internen Kontrolleur des Bundesamts ist die bedenkliche Nähe aufgefallen.

Die Frage, die nicht nur Ermittler umtreibt, lautet nun, ob Corelli vielleicht doch mehr wusste über den NSU, als er bisher zugegeben hat. Auffällig ist, dass er einst seinen Computerserver bereitstellte für das Neonazi-Magazin "Der Weiße Wolf". In einer Ausgabe dieses Blättchens, für das zeitweise ein NPD-Politiker verantwortlich zeichnete, erschien im Jahr 2002 der Satz: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht weiter". Corelli beschaffte damals auch dem Bundesamt ein Heft. Die rätselhaften Zeilen lösten damals offenbar keine Nachfragen aus.

Der NSU war zu der Zeit noch unbekannt, später fand die Polizei in der niedergebrannten Wohnung der Terroristen in Zwickau eine Datei mit einem Brief. Ihn hatten die untergetauchten Neonazis offensichtlich an ausgewählte Neonazis-Blättchen verschickt und Geld beigelegt. Die Macher des "Weißen Wolfs" haben sich dann artig bedankt. Die möglichen Empfänger bestreiten jedoch, in den NSU und seine Taten eingeweiht gewesen zu sein. Auch Corelli sagte, von einer Spende durch den NSU habe er nichts gewusst.

Die Linken-Abgeordnete Petra Pau forderte den Bundesinnenminister und die Sicherheitsbehörden dazu auf, im Innenausschuss des Bundestags "für Klärung" im Fall Corelli zu sorgen. Pau war Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses. Sie sagt, der Verdacht, dass der Ausschuss ausgebremst worden sei, habe neue Nahrung erhalten. Wiederholt sei versucht worden, Corelli aus dem Fokus des Ausschusses zu nehmen.

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