NSU-Prozess NSU-Trio führte Liste mit 233 jüdischen Einrichtungen

Beate Zschäpe schaut am Dienstag im NSU-Prozess auf ihren Laptop - auf die Liste mit jüdischen Einrichtungen, die neben ihr liegt, schaut sie nicht.

(Foto: Michaela Rehle/AFP)

Beate Zschäpe soll zusammen mit Uwe Mundlos eine Synagoge in Berlin als mögliches Anschlagsziel ausgespäht haben. Im NSU-Prozess leugnet sie das.

Aus dem Gericht von Wiebke Ramm

Eine weitere Spur führt von den mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zur Synagoge an der Rykestraße in Berlin. Ermittler des Bundeskriminalamtes entdeckten die Adresse des jüdischen Gotteshauses, des größten in Deutschland, auf einem Datenträger der drei Neonazis. Er lag im Brandschutt des letzten Verstecks von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in Zwickau. Es gibt den Verdacht, dass die drei die Synagoge als mögliches Anschlagsziel ausgespäht haben.

Insgesamt 233 Adressen jüdischer Einrichtungen hatten die mutmaßlichen NSU-Terroristen gespeichert. Unter den aufgelisteten Einrichtungen sind neben der Synagoge an der Rykestraße in Berlin weitere Synagogen, Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Friedhöfe, Altenheime, Museen, Bildungs- und Begegnungsstätten in ganz Deutschland.

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Vor dem Oberlandesgericht München lesen die Richter am Dienstag sämtliche Adressen jüdischer Einrichtungen vor - von der Jüdischen Gemeinde Aachen bis zur Israelitischen Gemeinde Würzburg. Es dauert etwa eine halbe Stunde. Zschäpe schaut währenddessen auf ihren Laptop. Auf den großformatigen Ausdruck der Liste mit den jüdischen Orten, der neben ihr liegt, schaut sie nicht. Ihren Mund und ihre Nase verdeckt sie mit ihrem Halstuch.

Belege für eine antisemitische Einstellung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gibt es viele

Ein Polizist hatte Zschäpe und wahrscheinlich Uwe Mundlos am 7. Mai 2000 vor der Synagoge an der Rykestraße gesehen. Der Polizist war damals als Objektschützer der Synagoge im Einsatz. Zschäpe war ihm aufgefallen, wie sie in Begleitung zweier Männer, einer Frau und zweier Kinder in einem Café gegenüber der Synagoge saß. Am Abend sah der Polizist die MDR-Sendung "Kripo live", in der nach Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gefahndet wurde. Er erkannte Zschäpe sicher und Mundlos mit leichten Zweifeln wieder. Noch am selben Abend meldete er seine Beobachtung der Polizei.

Das Gericht misst den Angaben des Zeugen offenbar große Bedeutung bei. Der Vorsitzende Richter hatte nach dessen Aussage vor Gericht das Bundeskriminalamt beauftragt, die bei Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt im Brandschutt sichergestellten Asservate systematisch nach Hinweisen auf jüdische Einrichtungen zu durchforsten. Sie fanden 233 Treffer.

Zschäpe hat an einem früheren Verhandlungstag bereits eingeräumt, etwa zur fraglichen Zeit mit Mundlos und Böhnhardt in Berlin gewesen zu sein. Eine Synagoge will sie nicht kennen, schon gar nicht ausgespäht haben.

Belege für eine antisemitische Einstellung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gibt es viele. 1996 hatten sie eine Puppe mit einem Davidstern, einer Schlinge um den Hals und einer Bombenattrappe an einer Autobahnbrücke in Jena aufgehängt. Im Untergrund versuchten sie zudem, durch den Verkauf ihres antisemitischen "Pogromly"-Spiels Geld zu machen. Zschäpe hat zugegeben, dass sie das Spiel zusammen mit Mundlos und Böhnhardt gebastelt hat. Auf Spielkarten verherrlichen sie den Holocaust.

Auf der Liste, die das Gericht am Dienstag verlesen hat, findet sich auch die Adresse eines jüdischen Friedhofs an der Heerstraße in Berlin-Charlottenburg. Auf den Friedhof wurden in den Jahren 1998 und 2002 insgesamt drei Sprengstoffanschläge verübt. Zwei Sprengsätze explodierten an der Grabstätte des ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, ein Sprengsatz im Eingangsbereich der Trauerhalle. Die Täter wurden nie ermittelt.

Vier Monate nach der Beobachtung des Wachmanns der Synagoge an der Berliner Rykestraße verübten die NSU-Terroristen den ersten Mord. Mundlos und Böhnhardt schossen im September 2000 in Nürnberg mehrfach auf den Blumenhändler Enver Şimşek. Er starb wenig später im Krankenhaus.

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