Süddeutsche Zeitung

NSU-Prozess in München:Es wird ernst

Die Wortgefechte zum Auftakt sind vorbei: Richter Götzl hat Staatsanwälte, Verteidiger und Nebenkläger gebändigt. Und Beate Zschäpe lacht nicht mehr. Eine Bilanz der ersten Woche im Münchner NSU-Prozess.

Von Annette Ramelsberger

Carsten S. ist der einzige, der spricht, zumindest ein paar Worte: "Ich werde aussagen" sagt er an diesem Donnerstagnachmittag. Er sagt es laut, mit klarer Stimme. Er ist derjenige, der reden will, der darauf brennt, sich zu erklären: Carsten S., der den drei Verschwörern vom Nationalsozialistischen Untergrund NSU als 19-Jähriger die Tatwaffe für neun Morde überbracht hat und später aus der rechten Szene ausgestiegen war. Er hatte erst Karriere bei den Jungen Nationaldemokraten gemacht und dann die Kehrtwende vollzogen: weg von den Rechtsradikalen, hin zur alternativen Szene in Düsseldorf. Carsten S. bekannte sich zu seiner Homosexualität, arbeitete für die Aidshilfe, lebte mit seinem Freund zusammen. Dann, nach 13 Jahren kam heraus, dass mit der Waffe, die er überbracht hatte, neun Menschen erschossen wurden.

Wenn er sich erklären wird, kommt der Prozess gegen den NSU zu den Inhalten: zu den zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen, die dem NSU vorgeworfen werden. Es wird am 4. Juni sein, wenn der NSU-Prozess nach den Pfingstferien weitergeht.

Am Donnerstag ging die erste reguläre Sitzungswoche im Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund zu Ende. Und am Ende dieser Woche sind ein paar Dinge klarer geworden: Der Richter Manfred Götzl ist ein eigenwilliger Mann, sehr machtbewusst, wenn auch nicht ohne Humor. Er hat einen vollen Saal mit fünf Angeklagten, elf Verteidigern und über 50 Nebenklagevertretern zu bändigen. Bisher macht er das souverän. Auf der einen Seite stehen die selbstbewussten Herrschaften vom Generalbundesanwalt in ihren roten, samtbesetzten Roben, die keinen Antrag der Verteidigung für begründet oder sinnvoll halten. Auf der anderen Seite im Saal kämpfen die Verteidiger um jeden Fußbreit für ihre Rechte.

Und hinten sitzen die Vertreter der Nebenkläger und die Angehörigen, die sich viel von diesem Prozess versprochen haben. Sie waren anfangs entsetzt über den Auftritt von Beate Zschäpe. Jetzt aber spüren sie allmählich: Der Prozess nähert sich dem, was ihnen wichtig ist. "Ich habe das Gefühl, dass wir auf Gerechtigkeit hoffen können", sagt Gamze Kubasik, die Tochter eines Ermordeten, der Süddeutschen Zeitung. Sie wird wiederkommen, als eine der wenigen Angehörigen. "Ich bin für meinen Vater da." Sie will Zschäpe weiter in die Augen blicken.

Die Claims sind abgesteckt

Es wird ein temperamentvolles Verfahren werden, vor allem auch wegen der Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben. Seine Anwältin war selbst NPD-Mitglied; sein Verteidiger versuchte, Hakenkreuz-Malereien von Wohlleben als "kalligraphische" Verzierungen zu sehen. Schon jetzt ist erkennbar, dass sie versuchen werden, die Taten so darzustellen, als habe der Staat die Morde in Auftrag gegeben; ihr Mandant sei nur das Opfer von V-Leuten. Auf der Besuchertribüne sind fast jeden Tag polizeibekannte Neonazis zu sehen, die Wohlleben oder den Mitangeklagten André E. unterstützen wollen. Doch sie wirken zunehmend gelangweilt von den rechtsstaatlichen Prozeduren, den vielen Anträgen, den Reden und Gegenreden.

In den ersten Tagen gab es noch heftige Wortgefechte zwischen der Verteidigung von Zschäpe und dem Richter. Götzl hat viele der Anträge abgelehnt, zum Beispiel, die Hauptverhandlung und die Zeugenaussagen aufzuzeichnen. Abgelehnt hat er auch, dass die Verteidigung gleich nach den Vertretern der Bundesanwaltschaft als Erste das Wort haben soll, noch vor den vielen Nebenklägern. Andere Forderungen sind noch nicht entschieden: die Verhandlung um drei Wochen zu unterbrechen, weitere Akten beizuziehen, die Sitzungsvertreter des Generalbundesanwalts abzulehnen. Erfolgreich war die Verteidigung mit ihrem Wunsch, die Liste der 129 Kontaktpersonen zu erhalten, die es im Umkreis des NSU geben soll. Die Bundesanwaltschaft hat die Liste zugesagt.

Nun sind die Claims abgesteckt, und auch die Aufregung um die Hauptangeklagte legt sich: Beate Zschäpe, die am ersten Tag noch gelacht und posiert hatte, wirkt nun ruhig und aufmerksam. Es ist Ernst eingezogen ins Münchner Gericht. Auch die Abtrennung des Sprengstoffanschlags in der Kölner Keupstraße ist vom Tisch. Ein Anwalt hatte in einem Antrag ans Gericht erklärt, er rechne mit mindestens 65 weiteren Nebenklägern aus der Keupstraße, wo der NSU eine Nagelbombe gezündet hatte. Wenn diese Nebenkläger wirklich kämen, wäre der Gerichtssaal endgültig zu klein. Richter Götzl hatte daraufhin angeregt, man könne über die Keupstraße einen eigenen Prozess führen, nach dem NSU-Prozess. Alle Nebenkläger sprachen sich dagegen aus, die Kölner Opfer wollten nicht Opfer zweiter Klasse sein.

Am Donnerstag kam heraus, dass es gar keine belastbaren Erkenntnisse zur Zahl der zusätzlichen Nebenkläger gibt. Der Anwalt hatte nur geschätzt - anhand der Leute, die in 250 Metern Entfernung rund um die Keupstraße wohnen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1674687
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 17.05.2013
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.