Süddeutsche Zeitung

NSU-Prozess:"Ich fände es schlimm, wenn so etwas vergessen würde"

Viele Menschen verbringen die Nacht vor dem Oberlandesgericht München, um dabei zu sein, wenn das Urteil im NSU-Prozess gesprochen wird. Eine von ihnen ist Malika Scheller, die 16-Jährige will ein Theaterstück schreiben.

Von Magdalena Latz, Anton Rainer und Felix Wellisch

Malika Scheller lehnt sich fröstelnd an den gelben Bauzaun und streift die Kapuze ihres Pullis über. Ab und zu kritzelt sie in den Notizblock, der auf ihren Knien liegt. Um sie herum knien andere Jugendliche auf Isomatten. Manche trinken Tee, rauchen, tippen auf ihren Laptops. Hinter ihnen, am Oberlandesgericht München wird in wenigen Stunden ein Urteil gefällt, auf das ganz Deutschland seit fünf Jahren wartet.

"Ich schreibe über die NSU-Verbrechen und den Prozess, die Aufklärung und vor allem die Angehörigen," erklärt Malika, "ich schreibe darüber, weil sehr viele Menschen in meinem Alter gar nicht genau wissen, was da passiert ist." Als der NSU-Prozess begann, war Malika elf. Heute ist Malika 16 und arbeitet, während sie in der Schlange auf Einlass wartet, an einem Theaterstück. "Ich fände es schlimm, wenn so etwas vergessen würde" sagt Malika, die mit ihrem Vater aus Freiburg gekommen ist. Ein ganzes Jahr investiert sie in ihr Projekt, gemeinsam mit anderen Schülern will sie das fertige Stück aufführen.

Ein paar Meter weiter steht Burhan Kesici, grauschwarzer Bart, Brille, ernster Gesichtsausdruck. Trotz der kühlen Temperaturen in der Münchner Nacht trägt er über seinem Anzug keine Jacke. Leise unterhält er sich mit zwei Männern, meist auf Türkisch. Ab und zu wirft er ein paar deutsche Brocken ein, "Ochsentour" ist oft dabei.

Kesici ist Generalsekretär des Islamrats in Deutschland. Für die Urteilsverkündung ist er extra aus Berlin angereist, zum ersten Mal seit Prozessbeginn. Er sagt: "Wir sind gar nicht so drauf vorbereitet, die Nacht lang hier zu stehen, hierher zu kommen war mehr eine spontane Entscheidung." Seit 22.30 Uhr steht er in der mittlerweile schon etwa 20 Meter langen Schlange. "Ich bin hier, weil das ein historischer Tag ist," sagt Kesici, "heute soll geklärt werden, welches Strafmaß ergehen soll." Seiner Meinung nach hat sich das Gericht zu stark auf die Attentäter und die Rolle der Unterstützer beschränkt, die Rolle der V-Männer, der Verfassungsschutzbehörden, der Bundes- und Landeskriminalämter, der Polizei, allerdings nicht richtig erörtert. Wie die anderen Wartenden muss Kesici in der Nacht ausharren: "Wir haben zumindest Leute, die uns Tee gebracht haben, was zu essen, warme Sachen."

Etwas abseits von Kesici lauscht ein kleiner, älterer Mann interessiert den Gesprächen. Wolfgang Böhm hat eine kleine Odyssee auf sich genommen, um den heutigen Prozesstag nicht zu verpassen. Um acht Uhr morgens ist er aus Weinheim bei Heidelberg mit dem Fernbus angereist, seit 21.30 Uhr steht er Schlange, um einen der 50 Zuschauerplätze zu ergattern. Er trägt buntes Spielzeug um seinen Hals, ein Einhorn und ein kleines Holzpüppchen. "Man muss sich die Freude im Leben selber schaffen", sagt der 61-Jährige, "und wenn man die Farbe sieht, ist man gleich gut gelaunt."

Wolfgang Böhm - der Gerichtstourist

Böhm ist Gerichtstourist: Beim Prozess gegen Jörg Kachelmann war er dabei und kürzlich bei der Verhandlung über den Mord in Kandel. Er will den Angeklagten in die Augen sehen, verstehen, wie die Menschen hinter den Schlagzeilen ticken. "Da ist man näher am Geschehen dran", sagt Böhm, "da kann man sich ein besseres Bild machen." Vor fünf Jahren sah er Beate Zschäpe schon einmal ins Gesicht, da kam sie ihm "arrogant und hochnäsig" vor, doch er hatte nicht das Gefühl, sie zu durchschauen. Also schrieb er ihr Briefe in die Haft, legte sogar Autogrammkarten von Schlagerstars bei, nur um irgendeine Antwort zu bekommen. Um Schlüsse zu ziehen, "daraus, was für ein Papier sie nimmt, wie sie schreibt, was sie schreibt". Doch Zschäpe schwieg, wie vor Gericht. Deswegen ist Böhm heute hier.

Gegen vier Uhr stellt sich eine Gruppe Männer mit kurzrasierten Schläfen in die Schlange. Karl-Heinz Statzberger, ein bekannter Rechtsextremist, ist einer von ihnen. Mit der Presse sprechen sie nicht, dafür beschweren sie sich lautstark über vermeintliche Vordrängler. "Wer aufs Klo muss, soll sich wieder hinten anstellen", ruft einer von ihnen, "das ist im Kino auch so." "Wir stehen seit gestern Abend hier", erwidert ein türkischstämmiger Mann weiter vorne, "da wird man doch wohl mal auf die Toilette gehen dürfen." Die umstehenden Polizisten nähern sich der Schlange - und den Männern, die sich auf die Stufen vor dem Gericht gestellt haben. Am Ende müssen die Ordner den Streit schlichten, die Situation beruhigt sich.

Einer, der sich von solchen Provokationen nicht beeindrucken lässt, ist Mehmet Daimagüler. Der Anwalt, der als Nebenklagevertreter fungiert, ist mit den Angehörigen einiger NSU-Opfer nach München gekommen. Wie oft er in den vergangenen Jahren hier war? 300 Mal? 400 Mal? Er weiß es nicht. "Irgendwann", sagt Daimagüler, "habe ich nicht mehr mitgezählt." Auch wenn heute ein Urteil fällt, bleiben für ihn trotzdem viele Fragen offen: "Man hat die Schuld der Angeklagten gut belegen können, aber um die entscheidenden Fragen hat man einen Bogen gemacht." Er sieht die Aufklärung nach fünf Jahren Prozess nicht am Ende, sondern mitten drin: "Wir sind nicht so machtlos, wie wir uns manchmal selber fühlen und wir sind nicht so machtlos, wie manche es sich wünschen würden."

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