Süddeutsche Zeitung

NSU-Prozess:"Es wäre ein neuer Tiefpunkt im NSU-Skandal erreicht"

  • Die DNA-Spur des mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt am Fundort des Skeletts der 2001 verschwundenen Peggy könnte wegen schlampiger Ermittlungsarbeiten dorthin gelangt sein. Im NSU-Prozess reagieren die Verteidiger Zschäpes mit Kopfschütteln auf diese Nachricht.
  • Ein Vertreter der Nebenklage sagt, sollte sich dies bewahrheiten, wäre ein "neuer Tiefpunkt im NSU-Skandal erreicht".

Aus dem Gericht von Wiebke Ramm

Richter Manfred Götzl verliest vor dem Oberlandesgericht München gerade seitenlange Berichte von Schweizer Ermittlern zur Herkunft der Mordwaffe des NSU, da erreicht die Nachricht zum Fall Peggy Knobloch auch den Gerichtssaal: Die DNA-Spur von Uwe Böhnhardt am Fundort des Skeletts der im Jahr 2001 ermordeten neunjährigen Peggy im Thüringer Wald könnte möglicherweise eine Ermittlungspanne sein.

Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl blickt auf sein Handy und schüttelt fassungslos den Kopf. Er wechselt einige Worte mit seinem Kollegen, Wolfgang Heer. Links neben Stahl sitzt Beate Zschäpe auf der Anklagebank. Ob auch sie die Meldungen schon erreicht haben, ist ihr nicht anzusehen. Ohne erkennbare Regung scheint sie weiter den Worten des Richters zu folgen.

Wenige Minuten später unterbricht das Gericht die Verhandlung zur Mittagspause. Draußen ist das vorherrschende Thema unter den Prozessbeteiligten: Peggy und die mögliche Verunreinigung des Fundorts ihrer Knochen durch DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt.

Sebastian Scharmer, Vertreter der Nebenklage, gibt sich wenig überrascht. Er sagt: "Ich habe immer vor vorschnellen Spekulationen gewarnt. Man muss DNA-Spuren immer mit extremer Vorsicht behandeln und darf sie nie als absoluten Beweis ansehen." Er sagt auch: "Ich darf mir gar nicht vorstellen, was die Familie Knobloch durchmacht."

Mehmet Daimagüler nimmt an diesem Tag nicht am NSU-Prozess teil. Am Vortag hatte der Nebenklagevertreter beantragt, die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Bayreuth zum Fall Peggy anzufordern und beizuziehen. Der Süddeutschen Zeitung sagt er: "Sollte es wahr sein, dass es sich bei dem Fund der DNA-Spur von Uwe Böhnhardt am Tatort der ermordeten Peggy um eine 'Polizei-Panne' handelt, wäre ein neuer Tiefpunkt im NSU-Skandal erreicht."

Gewissheit gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch Daimagüler hat vor allem Fragen: "Was sollen wir noch glauben? Was können wir noch glauben? Wessen Sachverstand können wir noch Vertrauen schenken? In was für einem Land leben wir eigentlich?"

Zschäpes Verteidiger wirkt wütend

Stellte sich heraus, dass es wirklich eine Panne gegeben hat, "es wäre ein Schlag ins Gesicht der NSU-Opfer und der Angehörigen von Peggy", so Daimagüler. Er sagt auch: "Jetzt ist es um so wichtiger, Akteneinsicht zu bekommen und sich ein eigenes Bild zu machen." Die Verteidigung des Mitangeklagten Ralf Wohlleben scheint es genauso zu sehen. Nach der Mittagspause schließt sie sich dem Antrag Daimagülers auf Akteneinsicht an.

Daimagüler hatte seinen Antrag mit dem Verdacht begründet, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ihren Lebensunterhalt nicht nur durch Raubüberfälle und den Verkauf des menschenverachtenden Brettspiels "Pogromly" verdienten, sondern auch durch den Vertrieb von Kinderpornografie.

Zschäpes Verteidiger Mathias Grasel will außerhalb des Gerichtssaals keine Auskunft über die Reaktion seiner Mandantin geben. Er will die Meldung auch nicht kommentieren. Grasel wirkt fassungslos und - auch das - wütend.

Am Vortag hatte Richter Götzl den Fall Peggy überraschend selbst zum Thema im NSU-Prozess gemacht. "Verfügen Sie über Informationen über Peggy Knobloch, die Sie nicht aus den Medien haben?", fragte er Zschäpe unter anderem. Ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert hatte angekündigt, schriftlich zu antworten. Unterdessen setzt das Gericht den 318. Verhandlungstag im NSU-Prozess fort, wie es ihn geplant hatte.

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