NSU-Prozess Drei Schüsse am Schafrain

Feuerwehrleute und Polizisten stehen in Eisenach vor dem ausgebrannten Wohnmobil der NSU-Terroristen.

(Foto: Caronline Lemuth / dapd)

Im Münchner NSU-Prozess werden die letzten Stunden von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt rekonstruiert. Zur Sprache kommen dabei auch Gerüchte und die Mutmaßung, ein dritter Mann sei damals im Wohnmobil gewesen.

Aus dem Gericht berichten Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz

Egon Stutzke ist 78 Jahre alt, Rentner, akkurat, und er hat einen sehr geordneten Tagesablauf. Er weiß auch nach drei Jahren noch, was er am 4. November 2011 eingekauft hat und wann: Zwei Flaschen Wasser, je anderthalb Liter, dazu Bananen und Brötchen. Er wollte auch noch eine Frischmilch aus dem Lidlmarkt mitnehmen, aber die war nicht vorrätig. Genau 9.25 Uhr war es, als er das Haus verlassen hat, das weiß Stutzke, weil er nach der englischen Sportschau gegangen ist, die er morgens immer schaut. Man weiß nicht, ob man Rentner Stutzke als Nachbar haben will, aber für die Entdeckung der NSU-Täter waren seine präzisen Beobachtungen wohl ausschlaggebend. Und um dieses Ende der terroristischen Vereinigung aus Rechtsradikalen ging es diese Woche im NSU-Prozess in München.

Rentner Stutzke fiel auf dem Parkplatz kurz vor dem Lidl ein weißer Wohnwagen auf. Er war gerade ein paar Schritte weitergegangen, da tauchten zwei Radfahrer auf. "Die kamen förmlich angeflogen", erzählt Stutzke vor Gericht. "Die fuhren zu dem Wohnmobil. Dort ging alles recht schnell. Einer der beiden nahm sofort Platz auf dem Fahrersitz, während der andere die Räder im Wohnmobil verstaute. Dann ging die Post ab. Die sind so schnell angefahren, dass die Räder durchgedreht sind. Die sind dann in Richtung Hauptstraße weitergefahren." Stutzke konnte noch das Kennzeichen erkennen, ein "V" für Vogtland.

Der Rentner führte die Polizei auf die richtige Spur

Der Rentner ging erstmal in den Supermarkt, kaufte ein, und als er rauskam, sah er schon eine Polizeistreife, die eine Frau fragte, ob sie zwei Männer auf Fahrrädern gesehen habe. "Ich hab das gehört und hab dem zugerufen: ,Ja, aber ich hab sie gesehen.' Der Polizist sagte mir, die zwei Männer auf dem Fahrrad haben eine Bank überfallen. Darauf sagte ich: ,Oh Gott, auch das noch!'"

Es war die Wartburg Sparkasse in Eisenach und es sollte der letzte von 15 Raubüberfällen sein, die die beiden Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangen haben, seitdem sie 1998 in den Untergrund gegangen waren. Mit dem Geld aus diesen Überfällen finanzierten sie sich ihr Leben, ihre Wohnung, ihre Urlaube an der See.

Rentner Stutzke aber wies der Polizei den Weg zu den Radfahrern - und zu ihrem weißen Wohnmobil. Und setzte damit der Existenz des terroristischen NSU ein Ende. Die Tarnung ihrer Fahrräder mit einem Wohnmobil, die Mundlos und Böhnhardt so oft bei ihren Fahrten durch die Republik benutzt hatten, funktionierte nun nicht mehr.

Die Polizei fand den Wagen in einem Vorort von Eisenach. Dort war er in einer ruhigen Vorortstraße abgestellt, zwischen Neubauhäusern, gleich neben einer Baugrube. Am Schafrain, ein idyllischer Name. Von früheren Taten der beiden mutmaßlichen Täter weiß man, dass sie in aller Ruhe abwarteten, bis die Fahndung nach Fahrradfahrern wieder aufgehoben wurde. Dann fuhren sie mit ihrem Wohnmobil davon.