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NSU-Prozess:Die zentralen Passagen aus Zschäpes Erklärung

NSU-Prozess

Die Angeklagte Beate Zschäpe hat ihre Aussage von Anwalt Mathias Grasel verlesen lassen.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Die Stellungnahme umfasst 53 Seiten. Eine Auswahl ihrer Aussagen zu den Morden, Sprengstoffanschlägen und dem Leben mit Böhnhardt und Mundlos.

Über das Zusammenfinden des Trios Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt:

"An meinem 19. Geburtstag lernte ich Uwe Böhnhardt kennen, der mir auf meiner Geburtstagsparty von einer Freundin vorgestellt wurde. Ich verliebte mich in ihn, war aber zu diesem Zeitpunkt noch mit Uwe Mundlos zusammen. Auch als ich von meiner Freundin erfuhr, dass er bereits vielfach straffällig geworden und auch schon im Gefängnis war, änderte sich an meiner Liebe zu ihm nichts."

Über die Motivationen für "Aktionen" vor dem Abtauchen:

"Ich erinnere mich daran, dass unsere Aktionen in Form der Gedenkmärsche und unser Auftreten allgemein in der Presse verfälscht wiedergegeben wurde und die Dinge nicht so berichtet wurden, wie sie aus unserer Sicht stattgefunden hatten. Wir wollten deshalb durch gezielte Aktionen darauf aufmerksam machen, dass es einen politischen Gegenpol zu den Linken gibt und wir wollten die Polizei und damit die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzen, um damit Aufmerksamkeit zu erreichen."

Über den festen Entschluss für ein Leben im Untergrund:

"Während der ersten Wochen des Jahres 1999 sprach ich mehrfach das Thema an, das Untertauchen abzubrechen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lehnten dies jedoch kategorisch mit der Begründung ab, dass dies nach dem Überfall (auf einen Edeka-Markt) vom 18.12.1998 keine Überlegung mehr wert sei. Sie hatten damit abgeschlossen, in ein bürgerliches Leben zurückzukehren."

Über den ersten Mord an Enver Şimşek im September 2000 in Nürnberg:

Erst Mitte Dezember 2000, während der Adventszeit, erfuhr ich von den Geschehnissen am 09.09.2000. Ich weiß nicht, ob es an der Stimmung zur Weihnachtszeit lag, jedenfalls merkte ich an den Blicken des Uwe Mundlos, dass etwas nicht stimmte. Ich sprach ihn darauf an, was mit ihm los sei und er berichtete mir, was rund drei Monate zuvor passiert war. Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen, was die beiden getan hatten. Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt. Ich wusste nicht, wie ich auf diese unfassbare Tat reagieren sollte. Auf meine massiven Vorwürfe, wie man so etwas tun könne, reagierte Uwe Mundlos lediglich dahingehend, dass "eh alles verkackt sei" und dass er es zum "knallenden Abschluss" bringen wolle.

Über die angebliche Selbsttötungsabsicht von Mundlos und Böhnhardt im Jahr 2000:

"Sie überraschten mich mit der Erklärung, dass sie sich in diesem Fall selbst töten wollten. Sie hätten miteinander besprochen und sich gegenseitig geschworen, sich niemals von der Polizei festnehmen zu lassen. Sie hätten sich geschworen, dass sich beide "die Kugel geben würden". Sollte dies, aus welchen Gründen auch immer, misslingen, so sollte zunächst der eine den anderen und dann sich selbst erschießen. Wenn ich also zur Polizei gehen, die beiden dadurch entdeckt und ihre Verhaftung drohen würde, so wollten sie sich der Verhaftung auf diese Weise entziehen."

Über den Bombenanschlag in der Probsteigasse in Köln im Januar 2001:

"Beide berichteten mir, dass sie die Aktion vor Weihnachten vorbereitet hätten. Uwe Böhnhardt habe die Bombe in seinem Zimmer gebaut (...). Es war Uwe Böhnhardt, der den Korb mit der Bombe im Geschäft deponierte, während Uwe Mundlos in Sichtweite vor dem Geschäft gewartet hatte. Ich hatte vom Bau der Bombe nichts mitbekommen. (...) Angesprochen darauf, was sie mit dieser, aus meiner Sicht brutalen und willkürlichen, Aktion erreichen wollten, erwiderten sie in abfälliger Weise, dass sie 'Bock darauf gehabt hätten'."

Über die Zeit, nachdem Mundlos und Böhnhardt ihr von den Morden an Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg und Süleyman Taşköprü in Hamburg erzählt hatten:

"Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Männern zusammen lebte, denen ein Menschenleben nichts wert war. Meine Frage nach dem Warum wurde wiederum mit inhaltlosen Floskeln beantwortet. Diesmal äußerten sie sich auch in ausländerfeindlicher Richtung. Damals hatte ich nicht für möglich gehalten, dass die beiden die Hetzlieder (...) in die Tat umsetzen würden."

Über ihr Verbleiben bei Mundlos und Böhnhardt trotz der Morde:

"Ich befand mich im Zwiespalt der Gefühle: Den finanziellen Vorteil der Raubüberfälle hatte ich akzeptiert und von diesen profitiert, gegenüber Uwe Mundlos hegte ich enge freundschaftliche Gefühle und Uwe Böhnhardt liebte ich. Die beiden waren meine Familie, die Mordtaten lehnte ich zutiefst ab. Vor einer langjährigen Inhaftierung hatte ich Angst, vor der Nachricht, dass sich beide getötet hätten, hatte ich noch größere Angst."

Über den Mord an Habil Kılıç in München am 29. August 2001 und die Reaktion von Mundlos und Böhnhardt auf die Terroranschläge vom 11. September 2001.

"Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten am 11.09.2001 den ganzen Tag die entsprechenden Fernsehberichte angesehen. Sie waren regelrecht begeistert von den Geschehnissen in den USA und applaudierten sogar. Wir diskutierten an den darauffolgenden Tagen darüber. Ich vertrat die Meinung, dass solche Aktionen unmenschlich seien. In diesem Zusammenhang brüsteten die beiden sich mir gegenüber mit dem Mord an Habil Kılıç, welchen sie rund zwei Wochen zuvor in München begangen hatten."

Über den Mord an Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in Rostock:

"Uwe Mundlos berichtete davon, dass er "in Rostock einen Türken erschossen" hätte. Details schilderte er nicht, er wiederholte nur mehrfach, dass "es wieder passiert sei."

Über den Raubüberfall auf zwei Sparkassen im Mai 2004:

"Sie hatten mich zuvor darüber informiert, dass sie in Chemnitz 'Geld besorgen' würden. Sie verwendeten diesen Ausdruck, wenn sie zu einem Überfall aufbrachen. (...) Sie kehrten einige Tage nach dem 18. Mai 2004 zurück, den genauen Zeitraum weiß ich nicht mehr, und breiteten die Beute von über 100 000 Euro vor mir aus. Das Geld wurde in der Wohnung an mehreren Stellen versteckt".

NSU-Prozess "Ich fühle mich moralisch schuldig"
Zschäpes Aussage

"Ich fühle mich moralisch schuldig"

Beate Zschäpe lässt vor dem Gericht eine etwa 50 Seiten lange Erklärung verlesen - am Ende bleiben viele Fragen offen.   Von Oliver Das Gupta, Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz