NSU-Prozess Der V-Mann-Verdacht

Anwälte der Nebenkläger im NSU-Prozess glauben, dass bislang unerkannte Täter noch frei herumlaufen. Nun präsentieren sie eine Erklärung.

Von Annette Ramelsberger und Wiebke Ramm

Sie haben 387 Verhandlungstage ausgeharrt, Kaskaden von Befangenheitsanträgen abgewartet, sie sind immer wieder angereist - und dann enttäuscht wieder nach Hause gefahren. Die Familien der Menschen, die von der Terrorbande NSU ermordet wurden, haben so lange darauf gehofft, dass endlich sie mit den Plädoyers im NSU-Prozess dran sind. Als es dann am Mittwoch so weit ist, ist keiner von ihnen da. Sie hatten nicht mehr damit gerechnet.

Es ist die Anwältin Edith Lunnebach, die den Auftakt macht, sie vertritt die Kölner Familie, deren Laden durch eine Bombe in die Luft gejagt wurde. Ihr folgt der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler, er ist für zwei Mordopfer aus Nürnberg da. Und sie zeigen beide gleich sehr deutlich, worauf es vielen Opfern ankommt: Auf die Fehler, die die Ermittlungsbehörden gemacht haben. Auf das Gefühl, dass die Vertreter der Opfer auch im Prozess immer ein wenig Störenfriede sind. Vor allem aber kritisieren Lunnebach und Daimagüler die Festlegung der Bundesanwaltschaft auf lediglich drei NSU-Täter, die in ihrer Terrorzelle abgeschottet gewesen seien. Vor allem das Wort von Bundesanwalt Herbert Diemer, die Einwände der Nebenklage seien "Fliegengesumme", erzürnt die Opfer. "Was haben wir eigentlich vom NSU gelernt, wenn die oberste Strafverfolgungsbehörde dieses Landes mit einer solchen Wortwahl jene Menschen abtut, die eine andere Sicht und eine andere rechtliche und politische Bewertung auf den NSU-Komplex haben?", fragt Daimagüler. "Ich hätte mir gewünscht, dass Sie diese Zweifel und die Menschen dahinter ernst nehmen und ihnen mit Respekt und nicht mit Hochmut begegnen." Nur Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten nimmt Daimagüler von dieser Kritik aus.

"Fliegengesumme" nennt ein Bundesanwalt die Einwände der Nebenklage. Das erzürnt die Opfer

Daimagüler und Lunnebach sind beide davon überzeugt: Da draußen laufen noch unerkannte Täter herum. Täter, die den kleinen, versteckten Laden der Kölner Familie M. ausgespäht haben müssen. Dort war im Januar 2001 eine Bombe explodiert, die in einer Christstollendose versteckt war. Ein junger Mann hatte sie in einem Korb kurz vor Weihnachten im Laden abgestellt und erklärt, er komme gleich zurück. Er kam nicht zurück. Als die Tochter der iranischstämmigen Familie Wochen später den Deckel der Dose anhob, explodierte die Bombe. Das Mädchen wurde schwerst verletzt.

Bei der Einweihung des Denkmals für Halit Yozgat liegen auch Plakate mit Porträts der anderen Opfer der NSU-Mordserie aus. Deren Familien sind Nebenkläger im Prozess.

(Foto: Regina Schmeken)

In einer Version des NSU-Bekennervideos ist das Mädchen namentlich erwähnt: Sie wisse nun, "wie ernst uns die Erhaltung der Deutschen Nation ist". Die Angeklagte Beate Zschäpe hatte angegeben, ihr Komplize Uwe Böhnhardt habe die Bombe abgelegt. Das hält Lunnebach für nicht glaubwürdig. Ihrer Ansicht nach gibt es "überwältigende Fakten" dafür, dass Zschäpe, Uwe Mundlos und Böhnhardt den Anschlag in der Probsteigasse nicht allein verüben konnten: "Dass dieser Tatort von Nicht-Ortskundigen ausspioniert gewesen sein könnte, ist völlig ausgeschlossen." Nur ein Ortskundiger habe wissen können, dass das Geschäft einer iranischen Familie gehört. Denn draußen auf dem Schild stand ein deutscher Name. "Aus unserer Sicht gibt es nur eine Erklärung", sagt sie: "Ein unerkannter Mittäter aus den Reihen des NSU", der sich in Köln auskennt, "muss den Anschlagsort ausgesucht und die Sprengfalle deponiert haben". Die betroffene Familie werde mit der Vorstellung leben müssen, dass unbekannte Täter als ständige Gefahr im Hintergrund lauern.

Lunnebach macht deutlich, wen sie im Verdacht hat, der Bombenleger gewesen zu sein: einen langjährigen V-Mann des Verfassungsschutzes. Gegen den Mann sei wegen des Anschlags in der Probsteigasse nie ermittelt worden. Dies könne nur daran liegen, "dass hier der Verfassungsschutz seine schützende Hand über die frühere V-Person hält". Doch Lunnebach hält es dennoch für erwiesen, dass der NSU die Tat begangen hat. Und sie wendet sich direkt an die Angeklagte Zschäpe. "Wir können nur hoffen, dass Sie, Frau Zschäpe, irgendwann das Ausmaß der Verbrechen, an denen Sie beteiligt waren, begreifen werden und Ihre tatsächliche Schuld spüren."

Die Nebenklage

Für Edith Lunnebach, Jahrgang 1950, ist Verteidigung Kampf. Und den betreibt die kleine, zierliche Frau so temperamentvoll, dass sie in den Neunzigerjahren schon zweimal wegen Beleidigung eines Gerichts und unstandesgemäßen Verhaltens angeklagt wurde. Sie hatte unter anderem einem Richter zugerufen: "Machen Sie sich nicht lächerlich." Zweimal wurde sie frei gesprochen. Die Begründung damals: Unter besonderen Umständen könne man nicht immer auf bürgerliche Umgangsformen Rücksicht nehmen. Lunnebach ist nicht sehr viel milder geworden. Auch sie und NSU-Richter Manfred Götzl gerieten sich immer wieder in die Haare. Die scharfzüngige Anwältin versteht sich ausdrücklich als "Links-Verteidigerin". Sie vertritt RAF-Leute, aber "keine Neonazis, keine Vergewaltiger". Selbst die Verteidigung von Beate Zschäpe, die ihr angetragen worden war, lehnte sie ab. Sie ist eine durch und durch linke, feministische Anwältin. Und es macht ihr so schnell keiner was vor. Mehmet Daimagüler, Jahrgang 1968, ist als Kind türkischer Eltern in Siegen geboren. Er arbeitete als Assistent von FDP-Politikern wie Burkhard Hirsch und Gerhart Baum und war auch selbst politisch in der FDP aktiv. Er saß sogar im Bundesvorstand. Der druckreif formulierende Anwalt lebt in Berlin und vertritt immer wieder Opfer rechter Gewalt. Er besitzt die Gabe, juristische Zusammenhänge politisch auf den Punkt zu bringen. Annette Ramelsberger

Dann ergreift Mehmet Daimagüler das Wort. Er sagt, das Wort "warum" bestimme das Leben der Familien. Es raube ihnen den Schlaf. Warum wurden ihre Angehörigen ausgesucht und getötet? Warum wurden sie als kriminell abgestempelt?

Daimagüler kritisiert die Anklage heftig. Sie habe nicht jeden Stein zweimal umgedreht, sondern viele Steine gar nicht angefasst. So stand auf der Todesliste des NSU mit rund 10 000 Namen auch ein Staatsanwalt aus Siegen. "Ich wurde in Siegen bei der Staatsanwaltschaft ausgebildet", sagte Daimagüler. "Selbst ich kannte diesen Mann nicht. Warum trachten Nazimörder diesem Mann nach dem Leben? Wie kommt er auf das Radar des NSU? Warum wurde er nicht befragt: Welche Verfahren er gehabt hat gegen die Nazi-Szene? Aus den Akten ergibt sich nicht, dass man diesen Staatsanwalt befragt hätte."

Schon bald darauf geraten die Verteidiger von Zschäpe und Anwalt Daimagüler in Streit. Den Verteidigern gehen Hinweise Daimagülers auf Ermittlungsfehler beim Münchner Oktoberfestattentat zu weit. Doch selbst die von Daimagüler so heftig kritisierte Bundesanwaltschaft hält das für zulässig. Und das Gericht auch.