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Rechtsextremismus:So enttarnten die Ermittler den mutmaßlichen "NSU 2.0"-Täter

Police Expand Investigation Into Neo-Nazi Network

Persönliche Informationen über drei Frauen waren von Polizeicomputern auch in Frankfurt am Main abgerufen worden.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty)

Ein 53-jähriger Berliner soll mindestens 115 Drohschreiben an Anwälte, Politiker und Medien verfasst haben. Die Ermittler fanden bei ihm eine Schusswaffe.

Von Florian Flade und Ronen Steinke

Mindestens 115 Drohschreiben, E-Mails, Faxe und SMS, die das Kürzel "NSU 2.0" enthalten, sind nach Ansicht hessischer Ermittler in den vergangenen drei Jahren von ein und derselben Person versendet worden. Lange war vermutet worden, dass dieser Täter ein Polizist sein müsse, da die Drohschreiben scheinbar geheime Informationen aus Polizeidatenbanken enthielten. Am Montag nun haben die Ermittler einen Mann als Verdächtigen verhaftet, der allerdings kein Polizist ist und auch nie Polizist war.

Bei dem 53-Jährigen soll es sich nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des WDR um einen arbeitslosen Berliner handeln, Alexander M. Er soll kaum soziale Kontakte gepflegt haben, dafür umso mehr im Internet gewesen sein. Schon seit Jahren ist er unter anderem damit aufgefallen, dass er bei Behörden anrief und sich als Behördenvertreter ausgab, um Informationen abzufragen. Aufgrund solcher Anrufe soll er auch schon einmal wegen der Straftat der Amtsanmaßung verurteilt worden sein.

Dies könnte aus Sicht der Ermittler des Hessischen Landeskriminalamts (LKA) auch erklären, wie es dem Mann gelang, den Opfern seiner Drohungen vorzutäuschen, er sei Polizist. So hatte er bereits in dem ersten, mit "NSU 2.0" unterzeichneten Drohschreiben an die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız am 2. August 2018 den Namen von deren kleiner Tochter erwähnt - eine Information, die nicht in der Öffentlichkeit verfügbar war. Kurz zuvor waren Daten der Anwältin an einem PC der Polizei im Innenstadtrevier abgefragt worden.

Schon länger gab es die Theorie, dass der Täter möglicherweise bei Ämtern oder Polizeidienststellen anrufe, sich als Kollege ausgebe und in beamtentypischer Sprache Auskunft erbitte. Solche verdächtigen Anrufe gab es zum Beispiel auch in der Redaktion der Tageszeitung taz. Dort fragte ein angeblicher Polizist nach der aktuellen Adresse einer Kolumnistin, die später auch "NSU 2.0"-Drohmails erhielt.

Hatte der Tatverdächtige Unterstützer?

Unter den vielen persönlichen Daten, die der Täter verwendete, sollen auch einige gewesen sein, die öffentlich leichter zugänglich waren als zunächst angenommen. Eine private Adresse sei beispielsweise zum Zeitpunkt der Drohschreiben gar nicht gesperrt gewesen, heißt es in Ermittlerkreisen. Das heißt, man habe sie auch auf anderen Wegen herausfinden können, etwa über einfache Auskunftsersuchen beim Einwohnermeldeamt. Manche verwendeten Daten, wie private Handynummern, seien zudem gar nicht in polizeilichen Datenbanken hinterlegt gewesen.

Zuletzt verfolgten die hessischen Ermittler mehrere Spuren, von denen sich viele als nicht zielführend erwiesen. Der nun verhaftete Mann soll zuletzt unvorsichtig und durch Spuren im Netz identifizierbar geworden sein, obwohl er eine anonyme E-Mail-Adresse verwendete. So soll er als User rechtspopulistischer Internetforen aktiv gewesen sein. Das brachte die Linguistik-Experten der Polizei auf seine Spur: Die Äußerungen des Verdächtigen in diesen Foren und in den Drohschreiben wiesen sprachliche Übereinstimmungen auf.

Auch mit einer Reihe von einschlägigen Straftaten ist der Verdächtige offenbar dem Staatsschutz an seinem Wohnort Berlin bekannt, heißt es in Sicherheitskreisen. So soll er in der Vergangenheit wegen Bedrohungen und Beleidigungen verurteilt worden sein. Als die Beamten am Montagabend gegen 22 Uhr seine Wohnung stürmten, soll er gerade online gewesen sein. In der Wohnung fanden sie dann noch eine Schusswaffe.

Offen bleibt, ob der Verdächtige Unterstützer hatte. Schon früh gab es die Hypothese bei den Ermittlern, dass möglicherweise mehrere Personen die Informationen über die späteren Opfer zusammengetragen und untereinander ausgetauscht haben könnten, wie ein rechter Schwarm. Vielleicht in Chatgruppen im Internet oder im anonymen Darknet. Viele sammeln, aber einer schreibt am Ende die Drohmail, so der Verdacht.

© SZ/hum
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