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Ermittlungen gegen "NSU 2.0":Fährten ins Nichts

NSU 2.0 Polizei Frankfurt

Das Polizeipräsidium in Frankfurt am Main.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty Images)

Einzeltäter - oder gar ein Netzwerk innerhalb der Polizei? Wer die Urheber der "NSU 2.0"-Drohmails sein könnten, bleibt völlig unklar. In einem vergleichbaren Fall half den Ermittlern letztlich ein Fehler des Täters.

Von Florian Flade, Georg Mascolo und Ronen Steinke

Im Verfahren mit dem Aktenzeichen 6110 Js 249194/18 gegen unbekannt wegen Bedrohung, Beleidigung und Volksverhetzung gibt es zwei Wahrheiten: Eine kommt von der immer größer werdenden Gruppe von Politikerinnen, Anwältinnen oder Journalistinnen, bei denen Drohschreiben eingehen, in denen von "Abschlachten" oder "Vergasen" die Rede ist, unterzeichnet mit "NSU 2.0" und abgeschickt von wechselnden Mailadressen wie rudolfhess123@protonmail.com im Falle Hengameh Yaghoobifarahs von der taz in der vergangenen Woche. Sie sind, genauso wie die Opposition im Hessischen Landtag, entsetzt davon, dass der oder die Absender der Mails auch nach zweijährigen Ermittlungen noch immer nicht identifiziert und verhaftet sind. Im Gegenteil, mit den Mails geht es immer weiter. Immer schneller geht es weiter.

"Unterirdisch" hat die hessische SPD-Fraktionschefin Nancy Faeser den Umgang des hessischen Innenministers mit diesem Fall genannt. Die Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden sei offenbar miserabel, sagte in Berlin die Linkenpolitikerin Martina Renner, die selbst eine Art Todesurteil des NSU 2.0 erhalten hat. Die eindringlichsten Worte aber stammen von der Kabarettistin İdil Baydar, bei der am Dienstag vergangener Woche zwei Drohmails ankamen. "Wie kann die Polizei die Täter nicht finden?", fragt Baydar. "Die Amerikaner haben Osama bin Laden in einem Erdloch gefunden, und die wollen mir erzählen, dass es zu schwierig ist, die Absender zu finden?"

Bei mindestens drei Schreiben dürften Daten aus Computern der Polizei verwendet worden sein

Eine andere Wahrheit kommt von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main und dem hessischen Landeskriminalamt. Wie in kaum einem anderen Fall zuvor würden durch die Ermittler der "AG 21" alle Mittel eingesetzt, um die Sache aufzuklären, psychologische und sprachliche Gutachten, Cyber-Experten, Rechtshilfeersuchen bis hin nach Russland und in die USA. Aufwendigste Ermittlungen, sogar die deutschen Geheimdienste habe man informell um Unterstützung gebeten. Weil der - oder die - Urheber nun einmal auf auffällig geschickte Art und Weise die Tiefen des Netzes nutze, um unerkannt zu bleiben. Der sei einfach sehr gut, sagt ein mit dem Fall vertrauter Ermittler.

Rechte Drohungen, Beleidigungen, Nötigungen - so etwas ist für Betroffene wie für Ermittlungsbehörden längst zum Alltag geworden. Und doch geht es im Fall NSU 2.0 um viel mehr. Da ist zum einen der Verdacht, dass für mindestens drei der Drohschreiben, auch gegen İdil Baydar, vertrauliche Daten aus Polizeicomputern genutzt wurden. Manche der Schmähungen erwecken zudem den Anschein, dass der oder die Absender über Polizei-Interna verfügen. Der Verdacht, dass es einer der eigenen Leute ist - oder ihm zumindest jemand aus der Polizei hilft - steht im Raum.

Hinzu kommt, dass der Staat gefährlich schwach erscheint, wenn nicht einmal der Einsatz aller Ermittlungsressourcen zum Erfolg führt. Die Drohungen unter den Namen NSU 2.0 oder "SS-Obersturmbannführer" nehmen zu, seit einigen Monaten erreichen sie zudem eine neue Qualität: Es tauchen vermehrt private Daten der Betroffenen auf, Meldeadressen oder Handynummern, auch brutale Drohungen gegen Kinder, Angaben zu Wohnverhältnissen und Klingelschildern. Gefolgt meist von Häme über die scheinbar ratlosen Ermittler.

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