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NS-Zeit:Jenseits der Legenden

Udo Grashoff versucht den Verrat von Kommunisten und KPD-Funktionären nach 1933 zu systematisieren.

Von KNUD VON HARBOU

Bislang galt, dass in der Literatur über kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus antifaschistische Heldenlegenden dominierten. Das war vor allem der Ideologie der DDR-Geschichtsschreibung geschuldet. Erst nach der Wende 1990 änderte sich der Blickwinkel, auch weil der Westen nun Zugang zu den relevanten Quellen der DDR-Archive erhielt. Es setzte eine kritische Auseinandersetzung ein, die vor allem die Psyche und das jeweilige Umfeld der Akteure zum Gegenstand hatte. Der Leipziger Historiker Udo Grashoff geht aber noch einen Schritt weiter, ihn interessiert die Schablone des Verrats innerhalb des Widerstands seitens der Kommunisten. Unter welchen konkreten Umständen kollaborierten sie mit der Gegenseite, wer waren sie und wie viele Personen zählten dazu? Verblüfft nimmt man zur Kenntnis, dass es offenbar außer den großen Studien wie Margret Boveris "Verrat im 20. Jahrhundert" (1956), in deren Spektrum Hoch- und Landesverrat standen, keine sozialwissenschaftliche Theorie des Verrats gibt.

Eine Art Topografie des Verrats

In Grashoffs Studie wird anhand von etwa 400 ermittelten Personen (Renegaten, Abtrünnige, Polizeispitzel, Aussagewillige sowie Mischtypen) das kommunistische Verrats-Label ausdifferenziert. Quellengrundlage bilden erhaltene Spitzellisten des sogenannten AM-Apparats, des Geheimdienstes der KPD, Gehaltslisten der Gestapo und Akten der DDR-Staatssicherheit. Daneben flossen nach Moskau geschickte Berichte der illegalen KPD aus den 30er-Jahren und zahlreiche unveröffentlichte Erinnerungen von Widerstandskämpfern ein. Damit rückt eine Art Topografie des Verrats in den Mittelpunkt der Forschung. Nach wie vor scheint ungeklärt zu sein, wie hoch die Zahl der Überläufer war. Auch Grashoff will sich nicht festlegen. Er verweist aber etwa auf Äußerungen des ersten Gestapo-Chefs Rudolf Diels, wonach 70 Prozent der im Jahr 1933 neu aufgenommenen SA-Männer in Berlin ehemalige Kommunisten gewesen seien. Historiker hingegen sind uneins, Heinrich August Winkler spricht von einer "beträchtlichen" Zahl von Überläufern, Detlev Peukert bestritt dies anhand von Polizeiakten an Rhein und Ruhr. Ältere statistische Untersuchungen ergaben, dass weltweit nur 1,5 Prozent der Überläufer bei der extremen Rechten landeten.

Treffen des Rotfront-Bundes in Berlin, 1926

Mitglieder des kommunistischen Frontkämpferbundes, der Rotfront, 1926 auf dem Tempelhofer Feld.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der Zulauf von Kommunisten war für die SA nur ein marginales Problem; für die KPD bedeutete der Wechsel eines Sechstels eigener Parteimitglieder zur NSDAP hingegen eine erhebliche Schwächung. 1930 gewann die KPD 143 000 neue Mitglieder, verlor aber gleichzeitig 95 000. Besonders dramatisch war 1930 der Mitgliederschwund im Kommunistischen Jugendverband mit etwa 45 Prozent. Grashoff findet in dieser Fluktuation nur Indizien für "politische 'Desperados', die sich nicht um ideologische Fragen kümmerten". Ihnen war die materielle Absicherung, für die die NSDAP stand, offenbar wichtiger. Noch entscheidender als der materiell bedingte Seitenwechsel schienen der mit Denunziation verbundene Verrat sowie demonstrativer Gesinnungsverrat gewesen zu sein.

Persönliches Vorteilsdenken spielte auch eine Rolle

Im Grunde zeigen diese Einzelfälle ein immer gleiches Schema: Die Gestapo verfügte über unumschränkte Macht, weswegen sich die KPD in ihren Grundstrukturen erschüttert sah. Unter Folter und Zwang gestanden Verräter meistens alles, was blieb ihnen auch sonst übrig? Dennoch ist interessant, wie diese Studie anhand eines unbekannten Quellenfundus unterschiedlichste Reaktionen dokumentiert und damit detaillierten Einblick in diesen geschlossenen Mikrokosmos gewährt. Aber wieso wurden so viele gefasste Überläufer, sogar des Nachrichtendienstes der KPD, zu Verrätern ihrer eigenen Genossen? Dass dabei persönliches Vorteilsdenken stärker war als Ideologie, wurde schon erwähnt. Grashoff verweist darüber hinaus auf die Allmacht der Gestapo, die schlechte ideologische Schulung sowie die Qualität der Ausbildung der KPD.

Udo Grashoff: Gefahr von innen. Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Wallstein-Verlag, Göttingen 2021. 471 Seiten, 52 Euro. E–Book: 41,99 Euro.

Wie leicht die Sicherheitsorgane der NSDAP illegale Widerstandsbastionen der KPD infiltrieren konnten, zeigt sich etwa 1933 in Schlesien. Dort waren im Januar noch 4600 Kommunisten in 15 Unterbezirken erfasst, im November zählte man nur noch 115 Mitglieder. Auch in München gab es nach einem V-Mann-Einsatz 1934 bis 1936 keinen organisierten kommunistischen Widerstand mehr. Der Autor erwähnt bis in feinste Nuancen die verschiedenen Facetten des Verrats, etwa Übergänge von Opportunismus zu Verhaltensweisen wie Anpassung, was jedoch nicht die Sicht auf die Grundstruktur verändert.

"Ein signifikantes, aber peripheres Problem"

So wird man nicht umhinkommen, bei der Analyse der Verratsstruktur diese systematische Studie zugrundezulegen. Die dann an Grenzen stößt, wenn man frühere Forschung einbezieht, wonach kommunistische Verräter soziostrukturell als "polymorph" angesehen werden müssen, es also schwierig ist, sie in eine Schablone zu pressen. Dazu kommt, dass Verrat für die illegale KPD ein "signifikantes, existenzbedrohendes und zugleich peripheres Problem" war. Unter letzterem ist zu verstehen, dass Folter, Haft, Androhung von Gewalt entscheidende Ursachen des Verrats waren, die Verräter nicht aus dem Kern der Partei kamen, sondern eher untergeordnete Funktionäre waren. So blieben auch ideologische Aspekte nahezu irrelevant.

Udo Grashoff rekonstruiert die Entstehung von Verrat im kommunistischen Widerstand als eine Geschichte menschlicher Schwäche, Gewalt und Tragik, die erneut das Bild eines heroistischen Widerstands relativiert.

© SZ vom 17.05.2021
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