Süddeutsche Zeitung

NS-Kriegsverbrechen in Italien:Das Massaker von Sant'Anna di Stazzema

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1944 metzelten SS-Truppen in Sant'Anna di Stazzema Hunderte nieder. Das deutsche Verbrechen in der Toskana wurde niemals gesühnt. Jetzt hoffen die Überlebenden, dass es zu einem Prozess kommt.

Von Andrea Bachstein, Sant’Anna di Stazzema

Enrico Pieri hat es eilig, sich zu verabschieden. Er steigt wieder in das grüne motorisierte Dreirad, Ape genannt, mit dem er die enge Serpentinenstraße durch den Wald in sein Heimatdorf Sant'Anna hochgekurvt war. 80 Jahre ist er alt und ziemlich fit, ein freundlicher Mann mit einem breiten Lächeln.

Aber als er erzählt hat, was er als zehnjähriges Kind erlebte, kann er nicht mehr reden hier im Garten der Bar, dem Garten mit den großen Kastanien und dem Blick auf die Berghänge. Die Stimme bleibt weg und die Tränen kommen ihm. Wie auch nicht. Sehr, sehr fern und unwirklich ist in so einem Moment das Ferientreiben im nahen Forte dei Marmi unten am Meer.

An diesem Dienstag wird es wieder schwer für Pieri werden, wenn er wieder nach Sant'Anna kommt. Dann wird in dem toskanischen Bergort derer gedacht, die vor 70 Jahren hingemetzelt worden sind von Männern der 16. SS-Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS". Das schlimmste Massaker an Zivilisten in Italien, Frauen, Kinder, alte Leute vor allem, zwischen 400 und 560 Menschen.

Genau weiß man es nicht, weil vor dem 12. August 1944 um die tausend Flüchtlinge in Sant'Anna Schutz gesucht hatten vor den Bombenangriffen auf die Städte der Versilia-Küste und weil die Täter die Häuser ansteckten und Leichenberge in Brand setzten, angefeuert vom Holz der Kirchenbänke. Ein monströses Verbrechen, das nie gesühnt wurde, aber vielleicht jetzt, nach 70 Jahren, doch noch vor ein deutsches Gericht kommt, wie jüngst das Oberlandesgericht Karlsruhe entschied. Selbst wenn das eher symbolische Bedeutung hätte, weil nur noch der 93-jährige, ehemalige SS-Offizier Gerhard S. angeklagt werden könnte, der in einem Hamburger Altenheim lebt.

Für Enrico Pieri und viele andere wäre es aber sehr wichtig.

Als im März 2013 Italiens Präsident Giorgio Napolitano und Bundespräsident Joachim Gauck nach Sant'Anna kamen, hätten sie davon gesprochen, dass die Geschichte Gerechtigkeit schafft, erinnert sich Enrico Pieri, "aber das reicht uns nicht. Es ist wichtig, dass man in Deutschland von Sant'Anna spricht - das nützt ganz Europa."

Gauck sprach damals deutliche Worte, sagte auch: "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen." Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte ein halbes Jahr zuvor zur tiefen Enttäuschung und Empörung der Überlebenden und Opferangehörigen ein zehn Jahre dauerndes Ermittlungsverfahren eingestellt, weil sie die Beweislage für eine Mordanklage für nicht ausreichend hielt. Diese Einschätzung hat das Oberlandesgericht Karlsruhe nun revidiert.

Dass Enrico Pieri als einziger seiner Familie überlebt hat, verdankt er Grazia, dem Nachbarmädchen, das ihn in einen Winkel unter der Treppe zog, wo sie warteten, bis die Mörder genug hatten. Sie hörten die Schüsse und Befehlsschreie, konnten kaum atmen vom Rauch der brennenden Häuser. Schließlich versteckten sie sich in den Feldern und im Wald; als Enrico Pieri sich abends zurückwagte, fand er seine Mutter und die anderen tot in der Küche.

15 Angehörige hat er verloren an jenem Morgen, als das Böse nach Sant'Anna kam. Was die Waffen-SS angerichtet hatte, erfuhr er erst, als er andere Überlebende traf und versucht hatte, das brennende Elternhaus zu löschen, wie ein Zehnjähriger das eben kann.

Um sechs Uhr früh waren die Deutschen von vier Seiten auf das damals nur zu Fuß erreichbare Dorf mit seinen verstreuten Häusern zugekommen. Die, die schon auf den Feldern waren, alarmierten die anderen in Sant'Anna. Die Männer versteckten sich im Wald, um nicht als Zwangsarbeiter verschleppt zu werden.

Aber die Waffen-SS-Leute drangen in die Häuser ein, schossen auf jeden oder trieben Menschen vor der Kirche zusammen, wo das Maschinengewehr auf sie wartete. Nach weniger als vier Stunden war alles vorbei, das jüngste von etwa 100 ermordeten Kindern war 20 Tage alt.

Aber es gab noch ein jüngeres Opfer, der Exzess sadistischer Gewalt hatte keine Grenzen. Die Geschichte der Evelina lässt sich kaum beschreiben, der jungen Frau, die kurz vor der Geburt stand, und der die deutschen Soldaten das Kind mit dem Bajonett herausschnitten, um es zu erschießen wie die Mutter, und es ihr in den Arm zu legen. In der Logik des SS gehörte all das zu einer Aktion gegen Partisanen, nur hatten die die Gegend um Sant'Anna da schon tagelang verlassen.

Enio Mancini war knapp sieben Jahre alt in jenem Sommer. Er erzählt seine Geschichte eine halbe Autostunde von Sant'Anna entfernt, auf einer Bank im Schatten der Platanen vor der Kirche des Örtchens Valdicastello unterhalb von Sant'Anna, ein Flüsschen sorgt in der Hitze für milden Luftzug, milde wie Mancinis Stimme.

Mancini hatte das unfassbare Glück, dass auch seine Familie mit ihm davonkam. Sein Vater war vom Feld gekommen, um die anderen zu warnen. Ehe er in den Wald ging mit den anderen Männern, sagte er: Werft aus dem Haus, was Ihr könnt, falls die Deutschen die Häuser abbrennen sollten. Ansonsten sollten sie keine Angst haben.

Kurz darauf trieben die Soldaten Enio Mancini und seine Familie unter Schlägen aus dem Haus. Hierhin, dorthin, sie mussten warten. "Wir verstanden ja nicht, was sie sagten, nur :Raus!, Raus!, Schnell!, Schnell!", erzählt er. Die Großmutter habe noch gedacht, alle würden fotografiert, als die Deutschen das Stativ für das Maschinengewehr aufstellten. Sie blieben zurück mit einem einzelnen, sehr jungen Soldaten.

Auch was er sagte, verstanden sie nicht, aber seine Gesten, sie sollten weglaufen, schnell, schnell und ohne Laut. Sie hörten Schüsse hinter sich und sahen ihren Bewacher in die Luft feuern. Inmitten des Wahnsinns hatte sich einer Menschlichkeit bewahrt, er war dafür wohl ein hohes Risiko eingegangen.

Mancini erinnert sich, wie die Männer von Sant'Anna nach der Rückkehr verzweifelt die Namen ihrer Frauen und Kinder riefen, und meistens keine Antwort kam. Auch er machte sich auf die Suche nach seinen Freunden. Was er am Nachmittag des 12. August sah, war von überwältigendem Grauen, überall Leichen, verbrannt oder schwarz vom in der Hitze geronnen Blut, der Geruch von verbranntem Fleisch in der Luft. Jahrelang schreckte er nachts aus Albträumen hoch.

Von anderen wurde das Massaker von Sant'Anna aber bald vergessen, zumindest verschwiegen. Die Leute in der Umgebung wussten es natürlich, aber Enio Mancini und Enrico Pieri erzählen, dass man irgendwann in den fünfziger Jahren nicht mehr davon sprach, und wie schwer das zu ertragen war. Mancinis Eltern hielten die Erinnerung nicht aus, einige Männer im Dorf hatten Schuldgefühle, weil sie weggegangen waren an jenem Tag.

Nur an den Jahrestagen kamen ein paar Politiker, ansonsten Schweigen. Auch Mancini und Pieri schwiegen, lebten ganz verschiedene Leben nach dem Krieg, wenn auch von dem Massaker geprägt.

Nach fünf Jahrzehnten entschlossen sich beide, weiterzugeben, was passiert war, 1992 fingen sie damit an. Sie reden seither vor allem vor Schülern, auch in Deutschland. Pieri wurde teilweise kritisiert, weil er mit Deutschen zusammenarbeitete. Und Mancini sagt, für ihn sei das Erzählen auch eine Therapie geworden. Auch er hofft jetzt inständig, dass es zum Prozess wenigstens gegen den einen Waffen-SS-Offizier kommt, der noch belangt werden könnte.

Juristisch kam erstmals etwas in Gang im Jahr 1994, als die Akten der Alliierten über das Massaker ans Licht kamen - aus dem versiegelten, zur Wand gedrehten "Schrank der Schande" bei der römischen Militärstaatsanwaltschaft, wo sie Jahrzehnte unbearbeitet lagen, während die Verjährungfrist für Totschlag verstrich. 2004 machte das Militärgericht in La Spezia zehn der SS-Offiziere in Abwesenheit den Prozess. Alle erhielten lebenslang Gefängnis und wurden verurteilt zu 100 Millionen Euro Schadenersatz.

Doch keiner verbüßte die Strafe, sie wurden nicht nach Italien ausgeliefert.

Pieri und Mancini haben damals den Prozess besucht. Ein ehemaliger SS-Mann sagte als Zeuge aus. Mancini sagt, "der Prozess hat mir geholfen, Frieden zu machen". Er sagt aber auch, dass solche Aussagen allein doch schon für eine Anklage auch in Deutschland hätten reichen müssen.

Dass die Stuttgarter Ermittlungen dann ohne Prozess eingestellt wurden, hält Pieri für eine "Schwäche" der Juristen, die nun hoffentlich korrigiert werde. Schnell müsse das aber gehen, sagt er; "es eilt wirklich", sagt auch Mancini. Die Staatsanwaltschaft Hamburg spricht von einem "Fall m it besonderer Priorität".

Wie lange die Prüfung der Akten dauert, ist aber ungewiss. Dass keine Bestrafung mehr möglich ist, wissen Pieri und Mancini. Sie wollen, dass solche Verbrechen mit den Mitteln verfolgt werden, dass Schuld anerkannt wird. Nicht nur aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen, sondern weil das eine wichtige Botschaft für die Zukunft ist.

Der Prozess würde auch den Deutschen nutzen, ist sich Mancini sicher. Enrico Pieri ist zu einem überzeugten Europäer geworden, deshalb nimmt er es auf sich, immer wieder zu erzählen. Die Jungen müssten begreifen, wohin Fanatismus führen kann, "dann gibt es auch weniger Extremismus."

Hass gegen Deutsche haben sie beide nicht. "Inzwischen habe ich mehr Freunde in Deutschland als in Italien", sagt Mancini. Die Leute von der Stuttgarter Bürgerinitiative Die AnStifter nennt er, die Anwältin der Opfer, Gabriele Heinicke, und die Journalistin Christiane Kohl, die viel dazu beitrug, dass das Massaker aus der Vergessenheit geholt wurde, und die Kölner Vereinigung "Freunde der Friedensorgel".

Den beiden Überlebenden geht es jetzt mehr um die Zukunft als die Vergangenheit, sie sind schon alt, Mancini hat seine Erinnerungen deshalb aufgeschrieben, das Buch ist gerade auch auf Deutsch erschienen. Und auch beim 70. Jahrestag wird die Zukunft nun ins Zentrum gestellt. Dieses Jahr, erzählt Stazzemas Bürgermeister Maurizio Verona, wird die Feier anders. Er freut sich, dass ganz junge Leute das Rahmenprogramm gestalten.

Zum Beispiel die Schüler einer auf Film- und Videotechnik spezialisierten Oberschule in Rom, die in ihren Ferien hier an einer Dokumentation über Sant'Anna arbeiten. Überall trifft man sie in diesen Tagen, im kleinen Museum des Widerstands, im neuen Besucherzentrum oder am trutzigen Turm der Gedenkstätte. An diesem Dienstag stellen sie ihre Arbeit dann vor, und in Sant'Anna wird wieder von dem erhofften Prozess in Deutschland die Rede sein.

Enio Mancini hat diese Hoffnung auf eine simple Formel gebracht: "Gerechtigkeit ist ein unverzichtbares Recht der Menschen."

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Quelle:
SZ vom 12.08.2014
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