NS-Kontinuitäten Schweben über der Vergangenheit

Historiker haben die Personalpolitik der Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach 1945 untersucht - und viele braune Details entdeckt. Ein Erkenntnisinteresse aber bleibt offen.

Von Ronen Steinke, Berlin

In Ost-Berlin wusste man: Hochmut kommt vor dem Fall. Während die DDR-Führung immer wieder anklagend auf das westdeutsche Innenministerium zeigte, dieses "Faschistennest", in dem zahlreiche Altnazis untergekommen waren, und während der DDR-Propagandist Albert Norden tönte, Hitlers Reichssicherheitshauptamt sei nach 1945 schlicht "nach Bonn verlagert" worden, fürchtete sich die DDR-Führung insgeheim vor der Blamage, wenn Ex-Nazis auch in ihren eigenen Reihen auftauchen würden.

Neustart mit alten Kameraden: Gerhard Schröder (CDU) war Innenminister von 1953-1961 in Bonn.

(Foto: SZ Photo)

Die Stasi überprüfte deshalb immer wieder die Biografien der Mitarbeiter im Ost-Innenministerium. Sie fand zwar über die Jahre nur wenige, die ihre Biografien geschönt hatten, um im DDR-Sicherheitsapparat weiter Karriere machen zu können. Die Historiker Frank Bösch und Andreas Wirsching beziffern den Anteil heimlicher ehemaliger NSDAP-Mitglieder dort auf elf Prozent. Aber wenn man welche fand, entfernte die Stasi sie geräuschlos, "aus gesundheitlichen Gründen". Nicht einmal in der Personalakte durften die wahren Gründe für ihre Pensionierung erscheinen.

Das unterscheidet diese neue, von Bösch und Wirsching herausgegebene Studie zu braunen Kontinuitäten im deutschen Staatsapparat von denen, die sich zuletzt dem Auswärtigen Amt (2010) und dem Bundesjustizministerium (2016) gewidmet haben: Es geht hier nicht nur um die NS-Nachfolger im Westen, sondern auch im Osten. Erstmals.

Das war der explizite Auftrag des ehemaligen Bundesinnenministers (und sächsischen Bundestagsabgeordneten) Thomas de Maizière (CDU). An diesem Dienstag wird die Studie im Bundesinnenministerium vorgestellt. Im Osten wurde das Ministerium nach 1949 ganz überwiegend von kommunistischen Parteikadern geleitet, die man in den vorherigen deutschen Staaten nie in die Nähe der Staatsmacht gelassen hatte. Im Westen dagegen hielten dieselben braunen Seilschaften zusammen, die auch vor 1945 an der Macht gewesen waren. Wie überall in der Bonner Bundesregierung stieg der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder bis in die 60er-Jahre sogar weiter an, je mehr die anfänglichen Bedenken gegen belastetes Personal abnahmen. "Am Ende der Ära Adenauer", so schreiben die Forscher, "waren alle sechs Abteilungsleiter des Bundesinnenministeriums ehemalige 'Parteigenossen', einer davon zusätzlich der SS und fünf der SA beigetreten - alle noch 1933, im Jahr vor der Entmachtung der SA." Der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Bonner Ministerium: 70 Prozent.

Der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Bonner Ministerium: 70 Prozent

Wirkliche "Kontinuitäten" finden sich im West-Innenministerium trotzdem kaum. Anders als im Außen- oder Justizministerium, die vor und nach dem Krieg von derselben elitären Beamtensubkultur einschließlich eigenem Diplomaten- beziehungsweise Juristendünkel geprägt wurden, gab es einen Neustart. Der folgende Satz des DDR-Propagandisten Albert Norden von 1961 war falsch: "Die wichtigsten Posten des Bonner Innenministeriums sind mit Ministerialdirektoren und Ministerialräten besetzt, die in genau der gleichen Kapazität schon Hitler, Himmler und Frick dienten." Stattdessen kamen die neuen Beamten 1949 aus sehr unterschiedlichen Teilen des früheren Staatsdienstes. Das Innenministerium war neu zusammengepuzzelt worden, in der frühen Adenauerzeit war es auch noch zuständig für Gesundheitspolitik und Sozialleistungen.

Frank Bösch, Andreas Wirsching (Hg.): Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus. Wallstein-Verlag Göttingen 2018, 837 Seiten, 34,90 Euro.

(Foto: Wallstein-Verlag)

Die Forscher beschreiben ein gängiges Rechtfertigungsmuster für die gegenüber NS-Tätern sehr nachsichtige Personalpolitik im Westen. Den Spitzenbeamten im Westen wurde nicht abverlangt, sich mit dem pluralistischen Parteienstaat zu identifizieren, sie durften sich weiter als "unpolitisch", über den Parteien schwebend, inszenieren, "eine spezifische Form des politischen Selbstbetrugs", die dem "deutschen Konservatismus" eigen sei, wie die Forscher schreiben - und eine bequeme Erklärung dafür, dass nach der persönlichen NS-Vergangenheit nie groß gefragt worden sei. Im Osten dagegen war Parteilichkeit gefordert. Sehr viele leitende Beamte waren in der SED.

Ein Erkenntnisinteresse aber, das wahrscheinlich auch hinter dem De-Maizière-Auftrag stand, bleibt am Ende offen. Ob nicht die "zweite deutsche Diktatur", von der manche gern sprechen, sich Unterdrückungsmethoden von der ersten abgeschaut hat? Darauf geht die Studie auf ihren 837 Seiten kaum ein, obwohl im DDR-Innenministerium Uniform getragen und militärisch gegrüßt wurde, obwohl man Oppositionelle verfolgte und obwohl etwa die Niederschlagung des Aufstands am 17. Juni 1953 hier mit koordiniert wurde. Die DDR kommt gut weg, weil sie vor allem unter dem Aspekt der Personalpolitik beleuchtet wird. Bei kaum einem anderen Thema konnte sie sich so klar als das "bessere Deutschland" präsentieren.