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NS-Geschichte:Erfolgslose Appelle

Im Sommer 1942 begannen die Deportationen von jüdischen Männern, Frauen und Kindern angeblich zum Arbeitseinsatz nach Deutschland, in Wahrheit jedoch nach Auschwitz. Dabei übermittelte der Jüdische Rat die Aufrufe zur Erfassung, und die Deutschen organisierten mit Unterstützung der holländischen Polizei die Verhaftungen und Abtransporte der jüdischen Opfer. Innerhalb von drei Monaten waren 20 000 jüdische Menschen nach Auschwitz deportiert worden, nur einzelne überlebten. Der Jüdische Rat befolgte die Vorgaben der Deutschen gewissenhaft und konzentrierte seine Bemühungen auf Ausnahmegenehmigungen und die "Freistellung" Einzelner. Die Kirchen protestierten erfolglos vor allem gegen den Abtransport von getauften Juden. Die Exilregierung und die niederländische Königin, die ab Ende 1942 ebenso wie die gesamte westliche Welt über den Judenmord informiert waren, richteten ihre Appelle an die gesamte niederländische Bevölkerung, ohne das besondere Schicksal der Juden in den Vordergrund zu rücken. Später lehnte sie Bemühungen um den Freikauf von holländischen Juden mit der Begründung ab, dass damit deutsche Kriegshandlungen ermöglicht würden. Internationale jüdische Hilfsorganisationen kümmerten sich nicht in besonderer Weise um die Juden in den Niederlanden. Bis Februar 1943 waren 46 457 Juden, also fast ein Drittel der Juden aus den Niederlanden, nach Auschwitz deportiert. In den folgenden Monaten fuhren weitere Transporte nach Theresienstadt, und zwischen März und August 1943 gingen Transporte mit 34 314 Juden in das Vernichtungslager Sobibor, von denen nicht einmal 20 überlebten.

Als seit dem Frühjahr 1943 der niederländische Widerstand gegen den zunehmenden Terror der Besatzung zunahm und es auch verstärkt Hilfsaktionen für Juden gab, war es jedoch für die meisten der Bedrohten zu spät. Die Hälfte der jüdischen Bevölkerung war bereits ermordet, die anderen in Lagern in Erwartung ihres Abtransports gefangen. Von 25 000 Juden, die hofften, im Versteck zu überleben, wurden 12 000 aufgespürt und deportiert. Etwa 6000 Kinder konnten versteckt und von ihren Eltern getrennt überleben. Die letzte große Razzia fand am 29. September 1943 statt. Dann wurde der Jüdische Rat aufgelöst, und zu Beginn des Jahres 1944 erhielt Heinrich Himmler die Nachricht: "Das eigentliche Juden-Problem in Holland kann als gelöst betrachtet werden."

Die Rettung der Juden hatte nie Priorität, weder bei den Alliierten noch bei der Exil-Regierung

Die verzweifelten Versuche jüdischer Hilfsorganisationen, wenigstens in den letzten Monaten vor dem Ende der deutschen Herrschaft noch einzelne Juden durch Freikäufe oder aufgrund eines Sonderstatus der Betroffenen außer Landes zu bringen, änderte nichts mehr an der katastrophalen Gesamtbilanz der jüdischen Opfer in den Niederlanden. Aktionen zu ihrer Rettung hatten zu keinem Zeitpunkt weder bei den Alliierten noch bei der holländischen Exilregierung Priorität vor den Kriegsplanungen. Der Jüdische Rat hatte bis zu seiner Auflösung ohne Widerstand die deutschen Anweisungen befolgt. Die internationalen jüdischen Hilfsorganisationen, die teilweise unterschiedliche Ziele verfolgten, blockierten sich oftmals gegenseitig in ihren Bemühungen um Hilfeleistung.

Katja Happe hat bei ihrer Darstellung niemals die deutsche Verantwortung für den Genozid aus dem Blick verloren. Aber erst durch die Gesamtansicht des Handelns aller beteiligten Akteure, die einen Teil der Verantwortung für den Verlauf der Tragödie trugen, konnte sie sich der Beantwortung der Frage "Wie konnte das geschehen?" annähern.

Von zentraler Bedeutung sind die Stimmen der Opfer, deren Zeugnisse die historische Darstellung durchgehend begleiten. Sie machen dem Leser immer wieder bewusst, dass es einzelne Menschen waren, denen alles genommen wurde, bevor man sie ihren Mördern auslieferte. Sie vermitteln die zentrale Botschaft dieses wichtigen Buches, dem man viele Leser auch über ein Fachpublikum hinaus wünscht.

Barbara Distel war von 1975 bis 2008 Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Sie beschäftigt sich weiterhin mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen.

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© SZ vom 19.02.2018/akau

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