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Corona-Ausbruch bei Tönnies in Ostwestfalen:"Ein enormes Pandemie-Risiko"

NRW-Ministerpräsident Laschet kämpft seit Monaten für zügige Lockerungen. Dass er nun doch einen Lockdown verkünden muss, macht ihm sichtlich zu schaffen. Mittlerweile steht bei 1553 Tönnies-Mitarbeitern eine Corona-Infektion fest.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

"Es riecht ein bisschen nach Lockdown, ja", hatte der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer (CDU) am Montagabend gesagt. 17 Stunden später passiert dann das, wovor die Menschen in Ostwestfalen seit Tagen Angst haben: Um kurz nach elf Uhr verkündet Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die komplette Abriegelung des Kreises bei einer Pressekonferenz in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Ein paar Stunden später gibt NRWs Gesundheits- und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) auch einen sogenannten Lockdown für den Nachbarkreis Warendorf bekannt.

Eine solche Rückkehr zum Lockdown für zwei komplette Landkreise ist ein in Deutschland bisher einmaliger Vorgang.

Schuld an der "Vorsichtsmaßnahme", so Laschet, ist der gewaltige Corona-Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies: 1553 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Deutschlands größter Schlachterei sind bisher nachweislich mit dem Coronavirus infiziert.

Und das bedeutet jetzt: Lockdown. Laschet spricht lieber von einem "Sicherheits- und Schutzpaket". Erst mal bis zum 30. Juni. Bis dahin werde man hoffentlich mehr Klarheit haben, inwieweit sich das Virus auch außerhalb des Schlachthofs ausgebreitet habe, sagte Laschet. Bisher gebe es nur 24 nachgewiesene Infektionen im Kreis Gütersloh außerhalb der Tönnies-Belegschaft.

"Da wo das Infektionsgeschehen zurückgeht, müssen wir das öffentliche Leben so schnell wie möglich wieder öffnen", drängt Laschet und ihm ist anzusehen, wie ungern er die Kontaktbeschränkungen verkündet. Ausgerechnet er, der seit Monaten an vorderster Front für Lockerungen in Deutschland kämpft. Er, der immer wieder überall vor den Gefahren des bundesweiten Lockdowns gewarnt hat.

Jetzt sagt Laschet: "Wir haben es im Kreis Gütersloh mit dem bisher größten einzelnen Infektionsgeschehen in Deutschland zu tun. Wir haben eine besondere Lage durch die Streuung der Orte und die Internationalität der Tönnies-Belegschaft. Dadurch birgt der Ausbruch ein enormes Pandemie-Risiko." Die knapp 7000 Tönnies-Mitarbeiter, der Großteil der Menschen kommt aus Polen und Rumänien, die an 1300 Adressen im ganzen Kreisgebiet und im angrenzenden Kreis Warendorf gemeldet sind, stehen schon seit einigen Tagen unter Quarantäne, auch als noch nicht klar war, wer infiziert ist und wer nicht. "Der Virologe Christian Drosten hat diese Maßnahme ausdrücklich gewürdigt", sagt Laschet.

Gütersloh und Warendorf werden nun trotzdem auf die Schutzmaßnahmen zurückgeführt, die vor wenigen Wochen noch für ganz Deutschland gegolten hatten. Das heißt, dass dort wieder die Kontaktbeschränkungen vom März 2020 in Kraft treten, wonach sich nur Menschen aus einem Hausstand mit höchstens einer Person außerhalb ihres Haushalts in der Öffentlichkeit treffen dürfen. Kulturveranstaltungen sind verboten, Fitnessstudios, Bars und Kinos werden wieder geschlossen. Restaurants dürfen unter strengen Auflagen geöffnet bleiben; ebenso Geschäfte. Zuallererst waren aber die 50 000 Kinder und Jugendlichen im Kreis Gütersloh dran, denn schon seit dem 17. Juni sind die Türen von Kitas und Schulen schon wieder dicht.

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Die Einschränkungen seien weniger umfangreich als im März, sagte der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer: "Das war mir besonders wichtig. Ich bin froh, dass zum Bespiel die Geschäfte weiter geöffnet bleiben dürfen. Viele Dinge, an die wir uns wieder gewöhnt haben, bleiben uns erhalten."

Drei Polizeihundertschaften und zahlreiche Dolmetscher sollen die örtlichen Behörden bei der Durchsetzung der Quarantäne-Pflicht im Kreis Gütersloh unterstützen; 100 sogenannte mobile Teams sind unterwegs, die Corona-Tests durchführen. Tönnies beschäftigt vor allem Arbeitsmigranten aus Polen und Rumänien, die zumeist über ausbeuterische Werkverträge bei Subunternehmen angestellt sind.

"Mir ist wichtig, dass sich auch humanitär um die Menschen gekümmert wird. Es reicht nicht, wenn man jemandem in Quarantäne einmal am Tag ein Essenspaket bringt", sagt Laschet. Daher seien sehr viele freiwillige Helfer und Helferinnen unterwegs, um die Hilfe für diese Menschen zu organisieren.

Jeder Einwohner im Kreis Gütersloh kann sich kostenlos auf das Virus testen lassen, verspricht Laschet. Flächendeckende Test würden nun auch in Pflege- und Altenheimen gemacht. Nordrhein-Westfalens Gesundheits- und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann hatte bereits angekündigt, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Schlachtbetrieben im ganzen Bundesland testen zu lassen. "Wir müssen ein reales Lagebild bekommen. Die Kernfrage ist: Wie viele Menschen außerhalb von Tönnies sind betroffen", erklärt Laschet, "ich weiß aber, dass wir den Menschen im Kreis Gütersloh sehr viel zumuten." Es sei "uns schon vor einigen Wochen in Coesfeld gelungen, ein solches Geschehen durch konsequentes Handeln unter Kontrolle zu bringen". Der Ministerpräsident spielt damit auf den größeren Ausbruch beim Tönnies-Konkurrenten Westfleisch an. "Heute sind in Coesfeld die Werte wieder so wie überall im Land, nämlich sehr gering."

Die Maßnahme kommt für die Ostwestfalen und Münsterländer zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, am Samstag beginnen die sechswöchigen Sommerferien in Nordrhein-Westfalen.

Es gelten keine "Ausreisebeschränkungen", sagt Laschet einerseits. Doch im nächsten Atemzug appelliert er an die Betroffenen, "jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren. Das wird auch kontrolliert werden." Heißt das, die Ostwestfalen müssen ihren Urlaub absagen? "Ich habe das rechtlich prüfen lassen, es ist kompliziert", sagt Laschet und es wirkt, als komme er selbst durcheinander, seine Aussagen bleiben ungenau. Das verhängte Kontaktverbot und die Lockdown-Maßnahmen "gelten immer bezogen auf den Kreis", fügt Laschet dann noch an.

Zuvor hatte er schon vor einer Stigmatisierung der Menschen aus dem Kreis Gütersloh gewarnt. "Wir haben etwas Vergleichbares im Kreis Heinsberg erlebt und es dient nicht der Akzeptanz unserer Maßnahmen, wenn man Menschen in Pauschalverdacht nimmt", so Laschet. Nachdem am Montag bereits ein Ehepaar aus Gütersloh in Mecklenburg-Vorpommern aufgefordert wurde, wieder nach Hause zu reisen, kommt um kurz nach 13 Uhr die Meldung, dass Bayern Urlauber aus Gütersloh aussperrt.

© SZ/aner
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