Festnahme in NRWSchon wieder ein mutmaßlicher Russen-Spion

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Der Generalbundesanwalt gab die Festnahme von Vitalii M. erst drei Tage später bekannt. Moskau sollte nicht gleich Bescheid wissen.
Der Generalbundesanwalt gab die Festnahme von Vitalii M. erst drei Tage später bekannt. Moskau sollte nicht gleich Bescheid wissen. Christoph Schmidt/DPA
  • Die Polizei nimmt in Hagen den Ukrainer Vitalii M. fest, der im Auftrag russischer Geheimdienste einen Ukraine-Veteranen ausgespäht haben soll.
  • Es ist bereits der zweite Fall binnen einer Woche, nachdem zuvor eine Rumänin und ein Ukrainer wegen Spionage für Russland festgenommen wurden.
  • Deutsche Sicherheitsbehörden warnen vor einem Muster, bei dem Russland hier lebende Menschen als "Wegwerf-Agenten" meist über Messenger anwirbt und mit Kryptowährungen bezahlt.
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Die Polizei nimmt in Hagen einen Mann fest, der für einen russischen Geheimdienst einen Ukraine-Veteranen ausgespäht haben soll. Dieser zweite Fall binnen einer Woche könnte in ein gefährliches Muster passen.

Von Christoph Koopmann, Düsseldorf

Es musste offenbar schnell gehen. Jedenfalls war es den Beamten lieber, den Verdächtigen gleich mitzunehmen, als noch ein Risiko einzugehen. Es gab Hinweise, dass Vitalii M. einen anderen Mann im Visier haben könnte, dass er ihn im Auftrag russischer Geheimdienste ausspäht. Einen Mann, der zu Beginn des Ukraine-Kriegs aufseiten des angegriffenen Landes diente und inzwischen in Deutschland lebt. Am vergangenen Freitag bekam der Verdächtige Vitalii M. in Hagen Besuch von Staatsschützern des örtlichen Polizeipräsidiums. Im Gespräch sollen die Beamten ihren Verdacht nach Informationen der Süddeutschen Zeitung aus Sicherheitskreisen dann bestätigt gesehen haben. Sie nahmen Vitalii M. vorläufig fest.

Erst am Montagnachmittag hat der Generalbundesanwalt offiziell über die Festnahme informiert. Übers Wochenende, solange also nicht bekannt war, dass der mutmaßliche Spion aufgeflogen ist, hatten die Behörden nach SZ-Informationen wohl noch versucht, unbemerkt von den russischen Geheimdiensten die mutmaßlichen Kontakte des Festgenommenen nach Russland zu rekonstruieren. Um herauszufinden, ob womöglich noch jemand an dem Vorgang beteiligt sein könnte.

Was motiviert die „Wegwerf-Agenten“? Ermittler nennen drei mögliche Gründe

Vieles an diesem Fall ist den deutschen Ermittlern wohl noch rätselhaft. Vor allem, was genau das Ziel der Ausspähaktion war, die spätestens seit November 2025 gelaufen sein soll. Sie „diente vermutlich auch der Vorbereitung weiterer geheimdienstlicher Operationen gegen die Zielperson in Deutschland“, so nebulös formuliert es die Bundesanwaltschaft in ihrer Pressemitteilung. Vorsichtshalber sollen die Behörden jene Zielperson in Sicherheit gebracht haben.

Vitalii M. hat man unterdessen nach Karlsruhe geflogen, wo ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs am Samstag einen Haftbefehl erließ. M. ist selbst Ukrainer. Weshalb er sich bereit erklärt haben könnte, für einen russischen Geheimdienst zu arbeiten? In Ermittlerkreisen hält man Geld für eine schlichte wie einleuchtende Erklärung.

Dort heißt es auch, der Fall passe wahrscheinlich in ein Muster, vor dem die deutschen Nachrichtendienste seit Monaten warnen: Russische Dienste schicken nicht mehr unbedingt selbst Agenten mit falschen Pässen und Lebensläufen nach Deutschland, sondern werben hier lebende Freiwillige an. Menschen, die eine Affinität zu Russland und Putin haben oder wenigstens eine Abneigung gegen die prowestliche ukrainische Regierung. Oder Menschen, die schlicht Geld brauchen. „Low-Level-Agenten“ oder „Wegwerf-Agenten“ heißen sie im Geheimdienstjargon. Die Russen werben sie nur für einzelne Operationen an, häufig über Telegram oder andere Messenger, und bezahlen sie meist in Kryptowährungen, weil das weniger Spuren hinterlässt. Wie genau Vitalii M. zu seinem mutmaßlichen Auftrag kam, ist bisher nicht bekannt.

Und erneut soll ein deutscher Rüstungsunternehmer ausgespäht worden sein – wie Rheinmetall-Chef Papperger

Erst vor gut einer Woche ließ der Generalbundesanwalt im nordrhein-westfälischen Rheine eine 45-jährige Rumänin und in Spanien einen 43-jährigen Ukrainer festnehmen. Sie sollen im Auftrag russischer Geheimdienste einen deutschen Rüstungsunternehmer ausgespäht haben, möglicherweise, um einen Mordanschlag zu planen. Der Manager soll zum Ziel für Moskau geworden sein, weil er Drohnen und Drohnenteile an die Ukraine geliefert hat. Eine Verbindung zu der Festnahme in Hagen hat der Fall nach Angaben der Ermittler aber nicht.

Schon im Sommer 2024 war bekannt geworden, dass ein russisches Spionagekommando den Rheinmetall-Chef Armin Papperger ausgespäht haben soll. Das Ziel war wohl ebenfalls ein Anschlag. Und in Frankfurt am Main läuft momentan ein Prozess gegen einen Ukrainer, einen Armenier und einen Russen, die laut Anklage 2024 einen ukrainischen Veteranen ausgespäht haben. Auch sie sollen möglicherweise geplant haben, ihr Opfer zu töten.

Das Beispiel, das den deutschen Sicherheitsbehörden ständig als Mahnung dient, ist der Tiergartenmord 2019. Damals erschoss ein FSB-Agent in Berlin einen Mann, der im Zweiten Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft und deshalb dort als Staatsfeind, als Terrorist, gegolten hatte.

Spätestens mit der Großinvasion in die Ukraine im Februar 2022 hat Moskau seine Geheimdienstaktivitäten im westlichen Feindgebiet noch mal hochgefahren. Agenten im Dienste des Kreml spähen Zielpersonen aus, planen Anschläge auf militärisch genutzte Infrastruktur, schicken Drohnen über alle möglichen interessanten Ziele, verbreiten auf Social Media Lügen und Propaganda. Deutschland gehöre zu den „Primärzielen“ russischer Geheimdienste, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Sinan Selen, Mitte März bei einer Sicherheitstagung. Der Kreml wolle Deutschland schwächen. Mit allen Mitteln.

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