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NPD und die Zwickauer Terrorzelle:"Nicht den geringsten Berührungspunkt"

Mit "diesen irren Verbrechern" habe man rein gar nichts zu tun gehabt: Vertreter der NPD versuchen so verzweifelt wie vergeblich, auf Distanz zu den Zwickauer Serienmördern zu gehen. Doch die Kontakte waren vielfältig - und zum Teil eng.

Der rote Ford Escort mit dem Kennzeichen J-AH 41 parkte am 24. Januar 1998 in Dresden, und auch der Halter des Fahrzeugs mit der auf Adolf Hitler verweisenden Buchstabenkombination wurde dort gesehen: Mit seinen Freunden Beate Zschäpe und Uwe Mundlos beteiligte sich Uwe Böhnhardt an einer Kundgebung der rechtsextremen NPD gegen eine Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht. Vier Tage danach tauchte das Trio unter - und erst 13 Jahre später, die Männer tot, die Frau in Haft, als mutmaßliche Terrorzelle von Zwickau wieder auf.

NPD-Anhänger bei einem Aufmarsch in Hannover

Dass das Trio an NPD-Aufmärschen wie diesem teilnahm, war nicht die einzige Verbindung zwischen der Terror-Zelle und der rechten Partei.

(Foto: dapd)

Seither müht sich die NPD-Führung so verzweifelt wie vergeblich, auf Distanz zu den Serienmördern zu gehen. Nicht "den geringsten Berührungspunkt" seiner Partei zu den Terroristen mochte NPD-Chef Holger Apfel erkennen. "Diese irren Verbrecher" hätten "keine Kontakte in die rechte Szene und schon gar nicht zur NPD" gehabt - jedenfalls gebe es, so schränkte er am Mittwoch ein, "keine verbotswürdigen Verbindungen zwischen der NPD und den mutmaßlichen Mördern".

Verbindungen aber gibt es. Und sie beschränken sich nicht darauf, dass das Trio vor seinem Untertauchen an Kundgebungen der NPD und ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) teilnahm. Im August 1996 etwa waren Mundlos und Zschäpe dabei, als gut 200 Neonazis durch Worms zogen, vorneweg marschierte der damalige JN-Chef Apfel. Das muss nicht bedeuten, dass der heutige Parteivorsitzende die später Untergetauchten persönlich kannte, zeigt aber die enge Verflechtung der NPD mit der Szene jener radikalen Neonazis, die das Umfeld des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gebildet haben.

Zentrale Figuren in diesem Netzwerk sind Ralf Wohlleben und André K., beide Jenaer Freunde der drei aus den Tagen des Thüringer Heimatschutzes, in dem freie Neonazis und NPD-Funktionäre gemeinsam marschierten. Wohlleben sitzt in Untersuchungshaft. Er soll den dreien bei der Flucht geholfen und ihnen später eine Waffe samt Munition beschafft haben. Wohlleben war NPD-Mitglied - aber nicht irgendeines: 1999 der Partei beigetreten, stieg er zum Kreischef in Jena und zum stellvertretenden Landesvorsitzenden in Thüringen auf. Für die NPD organisierte er Großveranstaltungen wie den "Thüringentag der nationalen Jugend" oder das "Fest der Völker", auf denen sich NPD-Prominenz, freie Neonazis und Hassrock-Bands tummelten. 2010 verließ er die Partei.

Regelmäßig an Wohllebens Seite war André K., ebenfalls als möglicher Helfer des Trios unter Verdacht. Auch K. gehörte lange der NPD an. Enge Kontakte pflegten er und Wohlleben zu Thomas G., einem führenden Kopf der sächsisch-thüringischen Neonazi-Szene. Dieser soll bereits 2005 in internen Internetforen als Passwort den Namen einer möglichen NSU-Unterstützerin verwendet haben, den Zschäpe als Alias nutzte. Im Netz chattete er mit Wohlleben und dem sächsischen NPD-Landesvize Maik Scheffler. Er trat als Redner auf einem Landesparteitag auf, auch mal mit dem damaligen Landtagsabgeordneten Peter Klose aus Zwickau. Der Ex-NPD-Mann Klose wiederum nannte sich bei Facebook Paul Panther - bevor bekannt war, dass diese Comicfigur durch das Selbstbezichtigungsvideo der Terroristen führte.

Zumindest indirekt der NPD verbunden sind zwei weitere Verdächtige. André E., der das NSU-Video hergestellt haben soll, wurde im Haus seines Bruders im brandenburgischen Grabow festgenommen - und der ist JN-Funktionär. Der inhaftierte Holger G., der nach eigenen Angaben 2001 oder 2002 als Kurier eine Waffe von Wohlleben in Empfang genommen und ins Versteck der Terrorzelle gebracht haben soll, ist Verfassungsschützern bereits 1999 aufgefallen, als er die Hochzeitsfeier des Neonazis Thorsten Heise besuchte. Heise stieg später in den NPD-Bundesvorstand auf.

Da Holger G. angeblich oder tatsächlich nicht weiß, welche Waffe er von Wohlleben erhalten hat, wurde er jetzt nach Wiesbaden gebracht, um dort alle im Wohnmobil und in der Wohnung der Zelle gefundenen Waffen zu inspizieren. Von Bedeutung war insbesondere, ob es sich bei der Waffe womöglich um die russische Tokarew T33 handelte, mit der die Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 getötet wurde, oder um die Pistolet Vis wz. 35, besser bekannt als Radom-Pistole, mit der auf Kiesewetters Kollegen Martin A. geschossen wurde. Holger G. erkannte keine der Waffen wieder.

Besuch von Fahndern erhielt auch Patrick Wieschke. Die Ermittler kamen mit Polizeihunden und gingen dem Verdacht nach, Zschäpe könnte in der Nacht vor dem Tod von Mundlos und Böhnhardt in seiner Eisenacher Wohnung Unterschlupf gefunden haben. Die Hunde sollen angeschlagen haben, aber Wieschke sagt, er habe "noch nie ein einziges Wort mit Frau Zschäpe gewechselt". Der als Anstifter eines Brandanschlags vorbestrafte Neonazi kommt aus Thüringens Kameradschaftsszene - und gehört inzwischen als "Bundesorganisationsleiter" zum engsten Führungskreis der NPD.

© SZ vom 15.12.2011/beu/gba
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