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NPD-Aufmarsch in Nürnberg:"Linie der Ignoranz"

In aufgeheizter Stimmung haben 10.000 Menschen in Nürnberg gegen einen Aufmarsch der NPD demonstriert. Die Stadt wollte den Marsch zu einem "Geisterlauf" machen - die Strategie ging nicht auf.

Nürnberg, 13 Uhr. U-Bahn-Station Herrenhütte. Im Hintergrund surrt ein Helikopter. Polizeibeamte in Kampfmontur bewachen mit verschränkten Armen die Absperrung. Dahinter drängen sich Demonstranten. Es ist ein buntes Volk, zu erkennen sind Gruppen der Jusos und der Antifa. Einer hält ein Plakat hoch: "Selbst die U-Bahn braucht keinen Führer mehr." Seifenblasen steigen auf.

NPD-Aufmarsch in Nürnberg

(Foto: Foto: AP)

Die U-Bahn-Station Herrenhütte ist Treffpunkt der NPD-Sympathisanten - und deswegen auch ihrer Gegner. Seit Stunden sammeln sich beide Gruppen hier. 1500 Neonazis waren angekündigt, am Ende sind rund Tausend gekommen - mehr als je zuvor bei einer 1.-Mai-Demonstration in Nürnberg.

Wie auf den Naziaufmarsch in der Stadt zu reagieren sei, das war ein Streitthema in Nürnberg in den vergangenen Tagen. Die Strategie der Stadt war es, einen "Geisterlauf" aus der Demo zu machen, der NPD so wenig wie möglich Aufmerksamkeit zu schenken.

So distanzieren sich viele Bewohner entlang der vier Kilometer langen Marschroute mit Transparenten wie "Kein Platz für Nazis" von den Rechten, ignorieren aber ansonsten die NPD. Viele Bürger folgen so der Aufforderung des Nürnberger Oberbürgermeisters Ulrich Maly (SPD) und lassen sogar demonstrativ die Rollläden herunter.

Während die NPD ihre Reden am Rathenau-Platz hält, ist die Veranstaltung der Stadt am Hans-Sachs-Platz. Es sind beides symbolträchtige Plätze. Der Rathenau-Platz, weil er nach Walter Rathenau benannt ist, der 1922 von Rechtsextremisten ermordet wurde. Der Hans-Sachs-Platz, weil die Nazis 1938 die Hauptsynagoge abgerissen hatten. Etwa ein Kilometer Luftlinie liegt dazwischen.

"Linie der Ignoranz" nennt Birgit Mair vom "Bündnis gegen den NPD-Aufmarsch am 1. Mai 2008" diesen Kilometer. Die 41-jährige runzelt verärgert die Stirn, während die an der Äußeren Bayreuther Straße Plakate aufstellt. "Man muss kämpfen", sagt sie. Position beziehen. Die Anwohner - viele von ihnen Ausländer - nicht alleine lassen.

Ihr Bündnis hat deshalb eine weitere Kundgebung angemeldet, näher am Geschehen. Mair redet energisch, aufgebracht. Das Thema berührt sie, mit Wegschauen könne man nicht verhindern, dass Nürnberg noch weitere NPD-Stadträte bekommt.

Auf ihren Plakaten steht "Nazis raus aus der Welt". Auf einem anderen: "Macht ne Flocke, auch wir sind gegen Nazis". Einer der Mitglieder des Bündnisses setzt zur Demo eine Flocke-Mütze auf. "Wir sind ja nicht gegen die Stadt", sagt Mair. "Wir sind nur gegen diese Linie der Ignoranz."

Fakt ist, dass die NPD die Route in Kooperation mit Stadt und Polizei ausgehandelt hat. Der Vorschlag selbst kam von der Polizei, denn ursprünglich wollte die NPD eine Strecke in der Innenstadt. Um sie von anderen Kundgebungen fern zu halten, wurde ein Kompromiss ausgehandelt.

Peter Grösch vom Polizeipräsidium Mittelfranken sagt: "Wir wollten eine Strecke ohne Symbolobjekte aus der Nazi-Zeit." Dass die Strecke nahe an dem jüdischen Altenheim liegt, hält er nicht für problematisch. Und Klaus Beier, NPD-Bundespressesprecher, sagt mit süffisantem Unterton: "Wir haben nichts dagegen."

Insgesamt demonstrieren knapp 10.000 Menschen in aufgeheizter Stimmung gegen den Aufmarsch der NPD. Bei ihrem mehrstündigen Zug wurden die Rechten von Gegendemonstranten immer wieder mit Pfeifkonzerten und Buhrufen empfangen.

Die NPDler antworten mit immer lauteren Sprechchören: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen." Ein Anwohner schaut aus dem obersten Stockwerk, ruft, "Nazis raus!" "Spring, Spring", schallt es zurück.

Und dann wieder: "Wer Deutschland nicht liebt...." Kurz vor dem Rathenauplatz haben sie sich in Rage skandiert, doch die Neonazis sind klug genug, die Situation nicht eskalieren zu lassen.

Das wissen auch die Polizisten. "Von Seiten der NPD ist eigentlich nichts zu befürchten, die hätten ja davon nichts, wenn wir die Veranstaltung auflösen", sagt einer der Polizeibeamten.

Auseinandersetzungen hat die Polizei mehr mit Angehörigen autonomer Gruppen. Militante NPD-Gegner versuchen mehrmals, die Polizeikette zwischen NPD-Marsch und Gegendemonstranten zu durchbrechen. Mehrere Demonstranten sollen bei Schlagstockeinsätzen der Polizei leicht verletzt worden sein. Die Polizei sprach außerdem von vier verletzten Beamten. Linke Demonstranten hätten mit Steinen und Feuerwerkskörpern auf Polizeibeamte geworfen. Die Polizei antwortete mit Pfefferspray und Schlagstockeinsatz.

Bei der zentralen Gegenkundgebung unter dem Motto "Gemeinsam gegen Rechtsradikale" am Hans-Sachs-Platz bekräftigte Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) die Entschlossenheit der Staatsregierung bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus. "Wir wollen die Nazibande hier nicht haben", rief Beckstein vor 5000 bis 6000 Zuhörern. Bayern werde alle rechtsstaatlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um rechtsextremistische Umtriebe zu verhindern.

Zur gleichen Zeit verbreitet die NPD ihre Parolen am Rathenauplatz. Nürnberg ist froh, als der Spuk vorbei ist. Ein Cafe kurz vor dem Rathenauplatz hat während des Aufmarschs alle Lichter ausgemacht. In einer dunklen Ecke sitzt eine Frau. Sie schaut den Vorbeimarschierenden draußen zu. Als der Zug vorbei ist, sagt sie: "Jetzt leben wir wieder."

1. Mai

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