Zum Jahrestag der Pogrome am 9. November 1938:Schuster warnt vor Verblassen der Erinnerung an Shoah

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Zum Jahrestag der Pogrome am 9. November 1938: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, die Erinnerung an die Shoah sei für immer mehr Deutsche eine "lästige Pflicht".

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, die Erinnerung an die Shoah sei für immer mehr Deutsche eine "lästige Pflicht".

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Der Präsident des Zentralrats der Juden sieht in Deutschland Bestrebungen, die Last des "Menschheitsverbrechens abzuschütteln".

Von Jörg Häntzschel, München

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht Anzeichen dafür, dass die Erinnerung an die Shoah in Deutschland zu verblassen droht. Immer mehr Deutsche empfänden diese Erinnerung als lästige Pflicht, schreibt Schuster in einem Gastbeitrag für die SZ. Anlass des Beitrags von Schuster ist der Jahrestag der Pogrome des 9. November 1938, als in Deutschland und Österreich 1400 Synagogen angezündet und bis zu 1300 Juden ermordet wurden. 30 000 Männer wurden in Konzentrationslager gebracht.

Schuster beklagt, das Gedenken an die Pogrome gerate immer mehr in Konkurrenz zum Jubiläum des Mauerfalls. Vor zwei Jahren habe eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission sogar vorgeschlagen, den 9. November in Erinnerung an die Öffnung der Mauer zum nationalen Gedenktag zu machen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte angeregt, den 9. November als Jahrestag von Mauerfall, Novemberpogromen, Hitler-Putsch und Ausrufung der Republik als deutschen "Tag der Widersprüche", als "einen hellen und einen dunklen Tag" zu verstehen.

Für Schuster sind diese Vorschläge symptomatisch: "Wir erleben einen Paradigmenwechsel in Kultur und Wissenschaft, der an den Grundüberzeugungen der Bundesrepublik Deutschland rüttelt: der Erinnerung an die Shoah als identitätsstiftendes Moment". Sowohl von links als auch von rechts gebe es Bestrebungen, "Erinnerung neu zu definieren".

Dass auf der Linken der Auseinandersetzung mit den deutschen Kolonialverbrechen neue Aufmerksamkeit zukommt, hält Schuster für richtig. Falsch sei es aber, dass viele auch Israel als "kolonialistisches Projekt" darstellten. Wie verbreitet die Israelfeindlichkeit sei, habe die diesjährige Documenta gezeigt wie auch die weithin kritiklose Auszeichnung der Schriftstellerin Annie Ernaux mit dem Literaturnobelpreis. Ihr Werk sei vielleicht auszeichnungswürdig, aber "eine Person, die solch israelfeindliche Positionen vertritt, darf es nicht sein".

Auf der Rechten seien es vor allem "geistige Brandstifter" wie die AfD-Politiker Alexander Gauland oder Björn Höcke, die an der Erosion der Holocaust-Erinnerung arbeiteten: "Sie wollen die Last ... des Menschheitsverbrechens Shoah abschütteln." Über ihre Mandate erhielten rechte Politiker Einfluss auf die deutsche Erinnerungskultur. Ihr "Revisionismus" finde auch im bürgerlichen Lager Gehör.

Auch in diesem Jahr wird der Novemberpogrome wieder an zahlreichen Orten gedacht. Steinmeiers kritisch aufgenommener Versuch vom vergangenen Jahr, ihrer in einem Festakt im Schloss Bellevue gemeinsam mit den drei anderen Ereignissen zu gedenken, die ebenfalls an einem 9. November stattfanden, soll sich indes nicht wiederholen. Stattdessen haben der Bundespräsident und der Zentralrat zu einer Tagung geladen, die sich mit der Zukunft dieses Tages beschäftigen soll: "Wie erinnern wir den 9. November?" lautet ihr Titel.

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