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Norwegen:Spion in der Kälte

Frode Berg

In Haft: der Norweger Frode Berg.

(Foto: Pavel Golovkin/AP Photo)

Seit 2017 sitzt Frode Berg in russischer Haft. Jetzt könnte er im Zuge eines Austauschs frei kommen.

Für die einen ist der norwegische Staatsbürger Frode Berg ein harmloser Rentner. Ein 63-jähriger ehemaliger Grenzer, den die Behörden seines eigenen Landes missbrauchten und der naiv in einen Spionagekrimi hineinstolperte. Für die anderen, für die Behörden und die Justiz auf der anderen Seite der norwegisch-russischen Grenze, ist er ein ausgebuffter Spion, der den Auftrag hatte, die russische Atom-U-Boot-Flotte auszuspionieren. Deshalb wurde er im Dezember 2017 in Moskau verhaftet, und deshalb sitzt er bis heute in einer Zelle des Moskauer Lefortowo-Gefängnisses. Eigentlich war er zu 14 Jahren Lagerhaft verurteilt worden, aber bisher sitzt er noch immer im berüchtigten Untersuchungsgefängnis ein. "Das bedeutet lebenslänglich", sagte Bergs russischer Anwalt Ilja Nowikow angesichts Bergs Alter nach der Verurteilung zu Lagerhaft im April zu Reportern.

Bergs Ehefrau, seine Freunde und ein Großteil der norwegischen Öffentlichkeit sehen in Berg eine Figur, die geopfert wurde im geopolitischen Schachspiel der sich verschlechternden Beziehungen zwischen der Nato und Russland. Für Norwegens Regierung ist seine Inhaftierung eine Blamage, für die norwegisch-russischen Beziehungen eine Belastung. Und das, obwohl die Länder am 25. Oktober in dem Städtchen Kirkenes in der nordöstlichen Finnmark einen Meilenstein der russisch-norwegischen Freundschaft feiern wollen: den 75. Jahrestag der Befreiung der norwegischen Arktisregion Finnmark von den Truppen Nazideutschlands durch die Rote Armee. König Harald soll kommen, Ministerpräsidentin Erna Solberg, aus Moskau reist Außenminister Sergej Lawrow an. Frode Bergs Inhaftierung läge "wie ein dunkler Schatten" über den Feierlichkeiten, schrieb die Zeitung Aftenposten.

Da kommen bislang unbestätigte Nachrichten aus Litauen wie gerufen: Angeblich steht ein Austausch von Spionen bevor. Ein in Litauen einsitzender russischer Agent, so der Baltic News Service unter Berufung auf litauische Geheimdienstkreise, solle ausgetauscht werden gegen zwei Litauer und einen Norweger in russischen Händen. Namen wurden keine genannt, aber es gibt in russischen Gefängnissen nur einen als Spion verurteilten Norweger: Frode Berg. Der knapp 3000 Einwohner zählende Ort Kirkenes, wo sich am 25. Oktober russische und norwegische Honoratioren die Hand reichen wollen, liegt ein paar Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

In den 1990er Jahren gingen norwegische und russische Grenzer gemeinsam auf Patrouille

Dort war Berg zu Hause, er arbeitete bei den Grenztruppen. In der Vergangenheit waren die Beziehungen zwischen Norwegen und Russland freundlich. In den 1990er-Jahren gingen norwegische und russische Grenzer gemeinsam auf Patrouille, veranstalteten gemeinsame Skirennen. Russlands neue Großmachtrhetorik, der aggressive Ausbau seines Militärs und die Annexion der Krim 2014 haben aber Spannungen aufkommen lassen. Im Sommer 2018 war Norwegen Gastgeber des Nato-Manövers "Trident Juncture", 50 000 Soldaten aus 31 Nationen nahmen teil. Und in Kirkenes, 150 Kilometer Luftlinie entfernt von der russischen Marinebasis Murmansk, versuchen sich die westlichen Geheimdienste verstärkt an der Rekrutierung russischer Mitarbeiter.

Frode Berg hat Kontakte zum norwegischen Geheimdienst zugegeben. Geldumschläge habe er nach Russland überbracht. Dass er im Gegenzug geheime Dokumente nach Norwegen im Gepäck hatte, habe er nicht gewusst, erklärte er vor Gericht. Die mit Berg befreundete Journalistin Trine Hamran beschreibt in ihrem Buch "Ein guter Norweger", wie die Geheimdienste Berg manipuliert und im Herbst 2017 zu einer letzten Moskaureise gedrängt haben sollen. Dem Buch zufolge appellierten sie an seinen Patriotismus, er solle "ein guter Norweger" sein. Am 5. Dezember 2017 wurde er in Moskau festgenommen. Die Zeitung Dagbladet schrieb von einer "amateurhaften Operation der norwegischen Geheimdienste, bei der alles schiefging", Aftenposten nannte Bergs Mission und Verhaftung einen "Geheimdienst-Skandal".

Einem möglichen Austausch der Spione muss das litauische Parlament nächste Woche noch zustimmen, am Donnerstag nahm ein entsprechendes Gesetz die erste Hürde. Nikolai Filipchenko heißt der russische Spion, der im Gegenzug freikommen soll. Er hatte versucht, im Haus und im Palast der litauischen Ex-Präsidentin Dalia Grybauskaite versteckte Mikrofone zu installieren. Der russische Anwalt Ilja Nowikow teilte derweil mit, Berg habe vor einem Monat einen Antrag auf Begnadigung gestellt. Es kommt Bewegung in den Fall.