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Nordrhein-Westfalen:Jod gegen die Atomangst

Im Großraum Aachen verteilen die Behörden von Freitag an Tabletten an die Bürger. Sie befürchten Pannen im belgischen Atomkraftwerk Tihange. Die Vorsorgemaßnahme ist ein Signal an die belgischen Verantwortlichen.

Es ist eine Aktion, die dem Nachbarn die eigene Todesangst vor Augen führen soll: Ab Freitag verteilen die Behörden im Großraum Aachen präventiv Jodtabletten, um die Bevölkerung gegen einen befürchteten Unfall im belgischen Atomkraftwerk Tihange zu schützen. Die spektakuläre Vorsorgemaßnahme ist ein Signal an die belgischen Verantwortlichen, nachdem seit Jahren währende Proteste und auch Gerichtsverfahren bisher nicht zur Schließung der Alt-Reaktoren nahe der ostbelgischen Stadt Lüttich geführt haben. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hatte erst am Mittwoch drastisch vor einem GAU im belgischen AKW gewarnt: "Wenn das Kraftwerk Tihange hochgeht, ist das westliche Rheinland nicht mehr betretbar", sagte der CDU-Politiker in Düsseldorf. Er bemängelte, dass im vereinten Europa nur Belgien allein über den Fortbetrieb von Tihange entscheide.

Die Städteregion Aachen wehrt sich schon lange gegen das belgische Kraftwerk Tihange

Bis Mitte November haben die Menschen in Aachen sowie in den grenznahen Landkreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg die Möglichkeit, online Jod-Tabletten zu bestellen. Die Einnahme des Kaliumiodids soll im Ernstfall die Schilddrüse mit nichtradioaktivem Jod sättigen und Schilddrüsenkrebs verhindern. Den Bürgern werden dann bis Ende November Bezugsscheine zugesandt, die sie in Apotheken kostenlos gegen Jodtabletten eintauschen können. Im Falle einer katastrophalen Havarie in Tihange nützte Jod allein freilich wenig: Der in der Region vorherrschende Westwind würde die radioaktiv belastete Luft nach Deutschland treiben und könnte - so zeigen Simulationen - auch das Ruhrgebiet und Ostwestfalen verstrahlen.

Die Behörden kalkulieren, dass immerhin jeder dritte Bürger Jod-Rationen für den Ernstfall beantragen wird. Denn die Region ist sensibilisiert. Im Sommer 2012 waren im zweiten der drei Blöcke von Tihange Tausende Haarrisse im Reaktordruckbehälter entdeckt worden. Immer wieder musste das Kernkraftwerk seither heruntergefahren werden, um die alten Reaktoren nachzurüsten. Belgiens Regierung hatte 2012 trotz massiver Bedenken von Umweltschützern entschieden, die ursprünglich auf 40 Jahre begrenzte Laufzeit der drei Blöcke zu verlängern. So wird etwa der älteste Meiler Tihange 1 statt 2015 nun erst 2025 abgeschaltet. Die Bürgerproteste im Dreiländereck zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht haben zugenommen, seit 2015 gleich mehrere Störfälle Tihange in Verruf brachten. Im vergangenen Sommer hatten belgische, niederländische und deutsche Bürger mit einer 90 Kilometer langen Menschenkette gegen Tihange protestiert. Die Städteregion Aachen hat vor einem belgischen Gericht Klage gegen den Weiterbetrieb von Tihange 2 eingereicht. Mit einer Entscheidung wird nicht vor 2019 gerechnet.