Es war ein Höllenlärm. In der Nacht von Montag auf Dienstag riss ein heftiger Knall die Einwohner von Oberhausen-Borbeck aus dem Schlaf. Was sie vom Schlafzimmerfenster aus nicht sehen konnten: Nur wenige hundert Meter entfernt entgleiste in dieser Nacht ein Güterzug. Die Lok sprang von den Schienen, blieb aber schon 30 Zentimeter weiter aufrecht stehen, die 20 Güterwagen blieben von vornherein in der Spur.
Verletzt wurde niemand, und so hatten die meisten Anwohner den ungewöhnlichen Vorfall bald vergessen. Die deutschen Sicherheitsbehörden jedoch sind alarmiert. Denn ursächlich für die Entgleisung waren wohl nicht etwa marode Schwellen oder ein Fehler im Gleisbett, sondern wahrscheinlich Metallklammern, die an den Schienen befestigt waren. Der Verdacht: Sabotage.
Ein US-Militärkonvoi wollte die Strecke ebenfalls befahren
Weder die Deutsche Bahn (DB) noch die örtliche Polizei wollen sich auf Anfrage zu dem Verdacht äußern. Ein Sprecher der Polizei Essen bestätigte lediglich, dass die Bundespolizei am Montagabend um 22.40 Uhr die entgleiste Lok gemeldet habe. Die Ursache ermittele die Kriminalpolizei noch. Wohl auch, weil noch eine weitere, heikle Dimension hinzukommt: Am Montagabend sollte offenbar auch ein US-Militärkonvoi die Strecke von Duisburg über Oberhausen nach Essen befahren. Sie wird vorwiegend für den Transport von Gütern genutzt, die Fern- und Regionalzüge verkehren auf einer anderen Strecke. Erst wenige Stunden zuvor hatte ein anderer Güterzug die spätere Unglücksstelle passiert, ohne Zwischenfall. Eine gute Stunde später hätte angeblich der Konvoi sie befahren sollen. Doch dann hatte er wohl Verspätung – und wurde umgeleitet. Das US European Command, das von Stuttgart aus die US-amerikanischen Streitkräfte in Europa koordiniert, antwortete zunächst nicht auf eine Anfrage.
In Sicherheitskreisen nimmt man den Vorfall sehr ernst. Dass Unbekannte mehrere Metallklammern an den Gleisen angebracht haben, auf denen auch Militärkonvois der Amerikaner rollen sollen – und das auch noch zur geplanten Zeit –, gilt als Hinweis auf einen Sabotageangriff. So ist auch zu erklären, dass gleich eine ganze Reihe von Behörden in die Aufklärung des Falls eingeschaltet wurde, darunter der Staatsschutz der Polizei Essen, die Bundeswehr und auch das US-Militär.
Auch in Polen gab es einen Zwischenfall
Sabotage an Bahnstrecken gehört nach Erkenntnis internationaler Ermittler zum Repertoire russischer Geheimdienste. Erst Mitte November wurden in Polen etwa 100 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Warschau auf der Strecke nach Lublin Gleise von einer Sprengladung so stark beschädigt, dass die Strecke vorübergehend gesperrt wurde. Schäden an Zügen entstanden nur nicht, weil ein Lokführer die Sabotage rechtzeitig bemerkte.
Laut der polnischen Regierung führten Spuren der Täter direkt nach Russland. Im Verdacht standen zwei Männer, die mit dem russischen Geheimdienst zusammengearbeitet und sich direkt nach der Tat nach Belarus abgesetzt haben sollen. So schilderte es Polens Ministerpräsident Donald Tusk vor Abgeordneten im Parlament. Über das polnische Bahnnetz laufen viele Militärtransporte in die Ukraine.
Auch in Deutschland wäre es nicht der erste Fall von Sabotageversuchen durch Russlands Agenten. Am Dienstag erhob die Bundesanwaltschaft am Oberlandesgericht Stuttgart Anklage gegen zwei mutmaßliche Agenten. Die beiden Ukrainer sollen im Auftrag eines russischen Nachrichtendienstes Pakete mit GPS-Trackern von Köln in Richtung Ukraine verschickt haben. Auf diese Weise sollten Versandrouten und Transportabläufe ausgeforscht werden, um Anschläge mit Brandsätzen in Paketen ausüben zu können, so die Karlsruher Behörde. Die Pakete hätten sich demnach in Deutschland oder auf dem Weg in „nicht von Russland besetzte Teile der Ukraine entzünden und möglichst großen Schaden verursachen“ sollen.
Bahnstrecken sind schon häufiger Ziel von Sabotageaktionen geworden. Oft vermuten die Sicherheitsbehörden aber Linksextremisten als Täter. Beispielsweise im vergangenen Sommer, als ein „Kommando Angry Birds“ sich dazu bekannte, die wichtige Pendlerstrecke zwischen Düsseldorf und Duisburg mit einem Brandsatz an einem Kabelschacht lahmgelegt zu haben.
Seltener waren bisher hingegen Angriffe auf konkrete Züge. Zwar ist öffentlich einsehbar, welche Zugnummer sich wann wo befindet. Gerade im Güterverkehr gibt es jedoch keinen klassischen Fahrplan, sondern vielmehr Vereinbarungen mit Kunden, wann die Lieferung da sein soll. Zugfolgen können sich also ständig ändern. Die Ermittler halten im Essener Fall – so sich der Sabotageverdacht erhärten sollte – nach Angaben aus Sicherheitskreisen auch ein linksextremistisches Motiv für möglich.

