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Nordrhein-Westfalen:Der Öcher Jong

'Wider Den Tierischen Ernst' In Aachen

„Wir brauchen keine braunen Raubritter“ – Armin Laschet spricht bei der Verleihung des Ordens wider den Tierischen Ernst über Menschlichkeit im Amt.

(Foto: Andreas Rentz/Getty Images)

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet erhält in Aachen den Orden "Wider den tierischen Ernst" und stellt die K-Frage. Im Scherz? Vielleicht.

Armin Laschet wusste, was auf ihn zukam an diesem Abend. Zwar genoss der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen am Samstag kurz vor Mitternacht ein Heimspiel: Als erstes Kind der Stadt überhaupt erhielt der CDU-Politiker den lokalen Orden "Wider den tierischen Ernst". Das sei, so hatte Laschet vor ein paar Tagen eingeräumt, gleichwohl eine überaus heikle Angelegenheit. Er wisse, "was da alles an Fettnäpfchen bereitsteht" bei seinem Auftritt im Ballsaal des Aachener Eurogress-Zentrums: Bei seiner Büttenrede werde jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, da sei "jeder Schnipsel, der in die Welt getwittert wird, gefahrgeneigt." Zumal jetzt, da Thüringen politisch brennt, da CDU-Parteichefin AKK kriselt und da Laschet, der "Öcher Jong", der Junge aus Aachen also, als ein unerklärter Möchte-gern-Kanzlerkandidat gilt.

Das Kürzel der Gastgeber, so belehrte gleich zu Beginn des langen Abends ein Komödiant von der Bühne, stehe an diesem Abend eben nicht für den "Aachener Karnevals-Verein" von 1859: "AKV", das stehe für "Armins Kanzler-Vorpremiere". Laschet hat am Tisch im Parkett brav gelacht über diesen Witz. Der 1,72 große Aspirant gewährte grinsend Narrenfreiheit: etwa, als derselbe Jeck ihn krude mit einer Weinflasche verglich: "Keine Magnum, eher Bocksbeutel." Oder später, als ein als Karl der Große verkleideter Kleinkünstler ihm nachsagte, er wolle demnächst "die mächtigste Frau der Welt beerben."

Die K-Frage stand also im Saal, und Laschet hat sie am Ende einer sehr langen Sitzung souverän beantwortet. Ja, K wie Karneval beherrscht der Mann. Ob er Kanzler kann, bleibt offen.

Berlin tickt anders, auch das weiß Laschet. Egal, seine Rheinländer hat er kurz vor Mitternacht erobert - auch und gerade per Abwinken und Spott nach Osten. Wie die da in der Hauptstadt arbeiteten: "Die ganze Groko ist eine einzige Nicht-Regierungsorganisation." Das sei, so versichert der NRW-Landesvater, unter ihm in Düsseldorf völlig anders: "Uns macht das Regieren Spaß!"

Da werde, so flunkert er, vor jeder Kabinettssitzung ein Lied gesungen, um mit heiserer Stimme einen Gassenhauer der Kölner "Höhner" zu variieren: "Da simmer dabei, dat is prima - Nordrhein-Westfalia!" Laschet singt hörbar falsch, aber auch dieses Untalent weiß er später zu nutzen: Seine Frau, so erzählt er, habe ihn einst im Jugendchor nur angesprochen, weil sie gewollt hätte, dass er aufhöre zu singen. Die Kapelle belohnt die Selbstironie mit einem Tusch.

"Doch wir wollen jetzt die Wende. Habt Euch endlich wieder lieb", singt der Ausgezeichnete

Laschets Büttenrede ist keine Regierungserklärung. Schon gar nicht für Berlin. Wohl aber offeriert er eine Regierungs-stil-Erklärung: Was das Land brauche, sei einfach, dass man sich "bei einem Wein oder einem Bier zuhört" - und dabei vielleicht sogar "mal annimmt, der andere könnte auch recht haben!" Fast nostalgisch und als sei dem rheinischen Gemüt jedweder Streit wesensfremd, blickt Laschet auf die Thüringer Zustände. Früher, als da noch sein jetziger Ordenskollege und Parteifreund Bernhard Vogel regiert habe, hätte dort niemand einen gewissen Höcke gewählt: "Und vor allem kam keiner auf die Idee, sich von einem Höcke wählen zu lassen!" Laschets Lösung? "Mehr Ritterlichkeit", so wie beim AKV zu Aachen: "Wir brauchen keine braunen Raubritter." Noch ein Tusch.

Aachen, das ist für Laschet eine Insel der Seligen. "Aachen in Elysium", davon singt er, der neue unernste Ritter schräg zu Beethovens Tönen seine eigene, selbstgereimte Ode an die Freude. Mit ernstem Blick nach Berlin: "Narren gibt es ohne Ende / Hass im Politikbetrieb", so hat Laschet getextet, "Doch wir wollen jetzt die Wende / Habt euch endlich wieder lieb."

So kann niemand regieren. Nicht in Berlin. Aber mit solcher Harmonie hält man sich die K-Frage offen. Für sein Rätsel "Wer wird Deutschlands next Mutti" findet Laschet am Ende eine rheinische Lösung: Friedrich Merz, AKK, vielleicht auch sein grüner Freund Cem Özdemir - die könnten sich doch der Reihe nach ablösen im Amt. Von Session zu Session, wie im Aachener Elferrat. Den Ruf des Saals, der "Öcher Jong" möge Berlin erobern, wies Laschet strikt zurück. An diesem Abend jedenfalls.

© SZ vom 10.02.2020
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