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Nordrhein-Westfalen:Alle gegen Tönnies

Guetersloh Region To Go Into Lockdown Following Over 1,500 Confirmed Covid-19 Cases

Unter Quarantäne: Eine Dolmetscherin spricht mit Bewohnern eines Hauses, in dem Tönnies-Mitarbeiter und ihre Familien leben.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Nach dem Corona-Ausbruch überhäufen sich die Parteien im Land mit Vorwürfen. In einem Punkt allerdings sind sie sich einig.

Von Christian Wernicke

Es hat lange gedauert, mehr als eineinhalb Stunden. Aber plötzlich ist sie da - jene "Einigkeit", die Landrat Sven-Georg Adenauer gleich zu Beginn der Sondersitzung des Kreistags eingefordert hatte: "Wir spüren doch in dieser Situation, dass wir eigentlich alle zusammenstehen müssen." Adenauer, ein Enkel des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer, saß hoch oben auf dem Podium. Zur Wahrung aller Mindestabstände unter Corona war das Parlament des Kreises Gütersloh in die Stadthalle umgezogen, wohlgefällig blickte Adenauer von der Bühne ins Parkett, hinab auf die 60 Abgeordneten seines Sprengels in Ostwestfalen: "Ganz Europa schaut auf uns!"

Es ist der Abend, nachdem die Region zum zweiten Mal einem strengen Corona-Regime unterworfen wurde. Ab sofort gilt in der Region ein "Lockdown light", wie Adenauer die Kontaktbeschränkungen, die Schulschließungen und die Feierverbote nennt. Alles wegen Tönnies, wegen der Zustände in einer Fleischfabrik, deren 7000 Jobs und Gewerbesteuer-Beiträge man bisher schätzte.

Der Kreistag muss also reagieren, auf die Restriktionen, auf die Bürgerwut. Und tatsächlich, nach 90 Minuten Hickhack raffen sie sich auf im Saal. Als kenne der Landkreis ab sofort keine Parteien mehr, sondern nur noch 370 000 Gütersloher. CDU-Fraktionschef Heinrich Sökeland macht den Anfang und räumt ein, man habe zu lange weggeschaut bei Tönnies. Man habe nicht wissen wollen, wie es zugeht in Europas größter Fleischfabrik: "Leider muss man sich das wohl vorwerfen."

Sökeland, im Hauptberuf Arzt, formuliert seine Diagnose bedächtig. Reizwörter wie Profitgier, Fleischbaron oder Massen-Ausbeutung meidet er. "Es muss zeitnah zum Ende der Werkverträge kommen", sagt er stattdessen, dazu biete die Krise "eine einmalige Chance". Als stärkste Fraktion hat die CDU einen Antrag entworfen, der "eine lückenlose Überwachung" der Quarantäne fordert und für Tausende Leiharbeiter aus Polen, Rumänien oder Bulgarien Essen und Trinken sowie medizinische Versorgung. "Das bei Tönnies praktizierte System", so steht es im CDU-Antrag, müsse "spätestens jetzt beendet werden". Punkt, aus, Feierabend. SPD und FDP, Freie Wähler und Linke - alle stimmen schnell zu. Die grüne Fraktionschefin Helga Lange verlangt noch, alle Parteien müssten sich verpflichten, in diesem Sinne "nun auch Druck zu machen bei den jeweiligen Parteifreunden in Berlin". Adenauer verspricht eine Protokollnotiz. Antrag angenommen, nur ein Nein von der AfD.

Vier Monate, nachdem Corona nach Nordrhein-Westfalen kam, schürt das Virus politischen Zwist. Das ist anders als noch im März, als Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die ersten Beschränkungen verhängte. Den Kreistag in Gütersloh eint nun immerhin ein Gegner: Alle fühlen sich von Clemens Tönnies hintergangen.

Genauso ist in Gütersloh die Stimmung draußen auf der Straße. "Der hat uns verarscht", schimpft Sandra H., die sich gerade eingereiht hat in die 300 Meter lange Schlange vor der Test-Station. Die 46-jährige Frau im BVB-Trikot will wissen, ob sie infiziert ist. Freiwillig, "denn sonst können wir in den Ferien vielleicht nirgendwo hinfahren". Ihre Tochter arbeitet in der Fleischfabrik, "und noch vorige Woche hat Frau Tönnies ihr gegenüber getönt, man solle nicht den Medien glauben, sondern gefälligst nur machen, was sie sage". Mal zwei, mal drei Stunden warten die Leute in der Sommerhitze darauf, ihre Speichelprobe abzugeben. Sie hoffen auf ein Stück Papier als Beweis gegen das Image, das jetzt allen anhängt mit dem Kennzeichen GT am Auto: verseucht zu sein. Der Opa bangt um den Familienurlaub in Bayern, der Azubi um seinen Job. Und mancher hat einfach Angst vor Covid-19: "Der Laschet hätte viel früher eingreifen müssen."

Im Umgang mit Corona mag der Landesvater das nicht zugeben. Aberwährend der Landtagsdebatte am Mittwoch räumt Laschet immerhin einen anderen Fehler ein: Ja, auch in der eigenen Partei hätten alle bisher immer weggeschaut, wenn es um diese Werkverträge gegangen sei. Nach den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder habe das System der Ausbeutung osteuropäischer Arbeitsmigranten doch erst richtig Fahrt in Deutschland aufgenommen. In Berlin habe das niemanden gekümmert, so Laschet. Niemanden, außer einen: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, so Laschet, habe allzeit gegen die Missstände angekämpft. "Karl-Josef Laumann ist weder in seiner eigenen Partei noch in großen Koalitionen mit dem Thema durchgedrungen", ruft Laschet in den Düsseldorfer Plenarsaal, "doch jetzt haben wir die riesige Chance. Wenn die Pandemie einen positiven Effekt hat, dann doch den, dass sie ein Brennglas auf die Probleme unserer Gesellschaft gerichtet hat."

Laschet kündigt ein milliardenschweres Konjunkturpaket an. Und verspricht Laptops und Tablets für bedürftige Kinder. Danach verheddert sich der Landtag schnell im Parteienstreit. SPD-Oppositionsführer Thomas Kutschaty wirft Laschet Führungsschwäche und Alleingänge während der Pandemie vor, viel zu spät habe der auf den Corona-Ausbruch im Kreis Gütersloh reagiert. "Erst Lockerer, dann Lockdowner", rüffelt auch die Grünen-Fraktionschefin Monika Düker. Die Zeiten, da die Angst vor Corona die parlamentarischen Rituale veränderte, sind vorbei.

So geht es auch in Gütersloh am Dienstagabend zunächst zu. Angefacht hatte das parteipolitische Feuer im Saal ausgerechnet Landrat Adenauer. Dass seiner Verwaltung in der Krise seitens der Opposition seitenlange "Fragen vom Sofa" zugemutet würden, das sei "miese politische Hetze". Die "Causa Tönnies" zehrt an den Nerven, der erste Chef des Kreis-Krisenstabs meldet sich am Dienstag erschöpft krank.

Am Mittwochabend kommt dann eine Meldung aus Gütersloh, die Hoffnung aufkommen lässt. Bei der Corona-Teststation für Freiwillige hat man so gut wie keine Infektionen festgestellt, 229 der ersten 230 Proben waren negativ. Der Urlaub vieler Gütersloher scheint noch nicht verloren zu sein.

© SZ vom 25.06.2020

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