Nordkorea Tot geglaubt

Das Regime in Pjöngjang präsentiert den vermissten Chef-Unterhändler Kim Yong-chol. Vergangene Woche hatte eine südkoreanische Zeitung berichtet, dass der Funktionär in ein Arbeitslager geschickt oder sogar hingerichtet worden sei.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Nun ist er doch wieder aufgetaucht: Vergangenen Freitag noch berichtete die südkoreanische Tageszeitung Chosun Ilbo , Nordkoreas Chefunterhändler Kim Yong-chol sei in ein Arbeits- und Umerziehungslager geschickt oder sogar hingerichtet worden. Er sei von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un für das Scheitern des Gipfels mit US-Präsident Donald Trump in Hanoi verantwortlich gemacht worden, hieß es darin. Fünf Mitarbeiter seien sogar hingerichtet worden, so das rechtskonservative Blatt weiter, unter ihnen Kim Hyok-chol, der Ex-Botschafter Nordkoreas in Spanien, der vor dem Gipfel von Hanoi mit den Amerikanern über das Nuklearprogramm verhandelte. Zwei weitere hätten Gefängnisstrafen erhalten, unter ihnen eine Übersetzerin. Viele Medien in aller Welt übernahmen den Bericht, immerhin manche mit deutlicher Skepsis.

Am Sonntag saß Kim Yong-chol nun in einem Amateurkonzert, das Gattinnen hoher Offiziere in Pjöngjang gaben. Er war im Tross mit Kim Jong-un und dessen Frau Ri Sol-ju gekommen. Die Parteizeitung Rodong Sinmun nannte ihn namentlich, er ist auch auf einem Foto zu erkennen.

Das Blaue Haus, der Sitz des südkoreanischen Präsidenten, mahnt zur Vorsicht

Nordkorea-Experten rätseln seit Wochen, wie sich das Scheitern von Kims Gipfel mit Trump in Pjöngjang auswirke. Irgendetwas sei am Laufen, twitterte Joel Wit vom Stimson Center, der einst für die USA mit Pjöngjang verhandelte. "Aber bisher ist völlig unklar, was." Wit lobte jene Medien, die die Meldung "nicht wiederkäuten". Nordkorea-Beobachter haben allen Grund, Chosun Ilbo zu misstrauen. Das Blatt verbreitet oft Gerüchte über Nordkorea, die sich später als falsch erweisen - und polemisiert gegen Seouls Nordkorea-Politik. Vor sechs Jahren meldete es die Hinrichtung der nordkoreanischen Popsängerin Hyon Song-wol. Sie habe heimlich Pornofilme gedreht und eine Affäre mit Kim Jong-un gehabt. Die Totgesagte sitzt seit 2017 im Zentralkomitee der Arbeiterpartei. Zu den Olympischen Spielen in Pyeongchang kam sie mit ihrer Band in den Süden und gab Konzerte.

Der keineswegs Nordkorea-freundliche Informationsdienst NKNews, der von Überläufern aufgebaut wurde, ermahnte die Medien am Montag, sorgfältiger über Nordkorea zu berichten. Gewiss sei die Bestätigung von Meldungen extrem schwierig, aber es gäbe durchaus Wege, wenigstens ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Etwa, indem man sie mit den Berichten des südkoreanischen Geheimdienstes (NIS) abgleicht, die öffentlich gemacht werden. Als Kims Onkel Jang Song-teak hingerichtet wurde, warnte der NIS drei Tage zuvor, es könnte ihm etwas passieren. Chosun Ilbo wusste nichts. Ratsam sei auch ein Blick in Nordkoreas Staatsmedien. NKNews schließt nicht aus, dass es zu Bestrafungen, vielleicht sogar zu Hinrichtungen gekommen sei, wie Chosun Ilbo behauptet. Aber bisher gebe es dafür keine Hinweise. Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap ignorierte den Bericht deshalb. Und das Blaue Haus, der Sitz des südkoreanischen Präsidenten, mahnte schon am Freitag zur Vorsicht.