Nordkorea Pjöngjangs großer Raketen-Bluff

Nordkorea ist stolz auf seine Raketen, aber kommen sie in Wahrheit aus dem Ausland?

(Foto: dpa)
  • Eine Studie legt nahe, dass die Raketentechnik der Nordkoreaner aus der Ukraine kommt. Die Regierung in Kiew wies dies zurück.
  • Der Antrieb für die neuen nordkoreanischen Mittelstrecken- und Interkontinental-Raketen stamme wohl aus Beständen der ukrainischen Firma Juschmasch.
  • Ein Experte hält es sogar für denkbar, dass Nordkorea die Raketenstarts als Aufträge durchführe, also gewissermaßen als Testgelände fungiere.
Von Christoph Neidhart, Seoul

Nordkorea hat seine raschen Fortschritte bei der Raketentechnik laut Expertenmeinung ausländischer Technologie zu verdanken. Das International Institute for Strategic Studies (IISS) vermutet in einer Studie, dass die Technik aus der Ukraine kommt. Die Regierung in Kiew wies dies zurück.

Der IISS-Experte Michael Elleman sagte der New York Times, es sei "wahrscheinlich", dass der Antrieb für die neuen nordkoreanischen Mittelstrecken- und Interkontinental-Raketen aus Beständen der ukrainischen Firma Juschmasch stamme. Dieser sei "vermutlich illegal" über Waffenhändler nach Nordkorea gelangt. Die Firma wies umgehend zurück, dass eigene Mitarbeiter an einem Deal mit Nordkorea beteiligt sein könnten. Sie schließt aber nicht aus, dass Kopien der Triebwerke nach Nordkorea gelangt sein könnten. "Unsere Triebwerke sind hoch geschätzt und werden weltweit eingesetzt", sagte Chefkonstrukteur Alexander Degtjarjow. "Vielleicht ist es irgendwo gelungen, Kopien zu machen."

Dass Nordkorea keine Raketen entwickelt, sondern Komponenten wie Triebwerke importiert und die Waffen dann bloß zusammenbaut, vermutet auch Robert Schmucker, Professor für Raketentechnik an der TU München, in einer detaillierten Analyse aller Raketen, die Pjöngjang bisher präsentiert hat. Schmucker nennt die Abschüsse nicht "Raketentests", sondern "Demonstrationsabschüsse". Falls es den Herkunftsländern gelinge, "Nordkorea den Hahn abzudrehen", so Schmucker, könnten Pjöngjangs Raketenstarts erschwert oder verhindert werden.

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Sieben nordkoreanische Raketen gehören zur Scud-Familie

Schmucker und sein Co-Autor Markus Schiller haben aufgrund von Fotos, Flugbahnen und anderen Daten die etwa hundert Raketen analysiert, die seit 1984 von Nordkorea abgeschossen wurden. Sie haben sie mit Modellen anderer Staaten verglichen. Sieben nordkoreanische Raketen gehören zur Scud-Familie, sie seien vom russischen Makejew-Raketenbüro konstruiert worden. Allen Flüssigtreibstoffraketen Nordkoreas weist Schmucker eine exsowjetische Herkunft nach.

Raketenbauer, so Schmucker, analysieren jeden Test, um Korrekturen vorzunehmen. Die Hwasong-10 wurde im Frühjahr jedoch in einer so "schnellen Sequenz" gestartet, dass "Korrekturmaßnahmen nach Fehlversuchen" unmöglich gewesen seien. Deshalb handele es sich um "Demonstrationsschüsse eines (nahezu) fertigen Gerätes und nicht um Entwicklungsaktivitäten". Nordkorea überraschte in den vergangenen Jahren mit sieben neuen Modellen, darunter der Hwasong-12 und Hwasong-14. Pjöngjang feierte das zuletztgenannte Modell als großen Sprung nach vorn. "Kein anderes Land hat so schnelle Fortschritte gemacht", sagt auch Michael Elleman vom IISS. Und er zieht den gleichen Schluss wie Schmucker: "Nordkorea hat die Hochleistungs-Flüssigstofftriebwerke im Ausland erworben."

China und Länder der früheren Sowjetunion haben sich den Raketenmarkt aufgeteilt

Elleman vermutet, die Motoren oder zumindest Konstruktionspläne für die Hwasong-12 und -14 stammten von der ukrainischen Waffenschmiede Juschmasch in Dnipro, die seit dem Sturz des Moskau-freundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch in Geldschwierigkeiten stecke. Womöglich wurden sie auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Die Regierung in Kiew hat das als "antiukrainische Kampagne" Moskaus dementiert.

Während Nordkoreas Flüssigtreibstoff-Raketen aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, so Schmucker, seien bei den Feststoffraketen "die Ähnlichkeiten mit chinesischen Modellen frappierend". Das entspreche der Marktaufteilung zwischen China und Ländern der früheren Sowjetunion. Vor drei Jahren zeigte Nordkorea erstmals Feststoffraketen, sie tauchten ebenfalls quasi über Nacht auf. Dabei gebe es keine Hinweise auf nordkoreanische Anlagen zur Herstellung von Festkraftstoffen. Schmucker behauptet nicht, die russische oder die chinesische Regierung lieferten Nordkorea Raketen. Das sei zwar eine Möglichkeit, es könnte sich aber auch um Institutionen in diesen Ländern handeln. "Regierungen können das ignorieren, sofern sie davon überhaupt Kenntnis haben, oder tolerieren bis forcieren, weil es im politischen Spiel Vorteile bringt." Eine Zusammenarbeit Nordkoreas mit Iran bezweifelt Schmucker.

Der Experte hält es sogar für denkbar, dass Nordkorea die Raketenstarts als Aufträge durchführe, also gewissermaßen als Testgelände fungiere. "Vor allem Raketen mit festen Treibstoffen altern. Deshalb muss die Funktionsfähigkeit turnusmäßig durch Abschüsse überprüft werden." Schmucker schließt, es gebe "keinerlei Hinweis auf ein eigenständiges Entwicklungs- oder Fertigungsprogramm ballistischer Raketen und keinen Hinweis auf entsprechende Fähigkeiten" Nordkoreas. Die vielen Abschüsse hält er für einen "groß angelegten Bluff".

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