Süddeutsche Zeitung

Nordkorea:Kim Jong-un öffnet die Tür einen kleinen Spalt

Nordkorea lockert ein wenig seine strikte Grenzpolitik, die vor Corona schützen sollte. Für das Regime hatte die totale Abschottung durchaus einen Nutzen.

Von Thomas Hahn, Tokio

Die Geschichte von der Rückkehr Nordkoreas begann vor etwa zwei Wochen. Da wurden in der Abflughalle des Pekinger Flughafens rund 80 Menschen in weißen Sportanzügen mit nordkoreanischer Fahne auf der Brust gesichtet. Die Delegation war eindeutig auf dem Weg nach Astana in Kasachstan zur Weltmeisterschaft des Taekwondo-Verbandes ITF und war damit das erste nordkoreanische Sportteam im Auslandseinsatz seit Beginn der Pandemie Anfang 2020.

Einige Tage später berichtete das Fachportal NK News, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nordkorea die Stars der Eröffnungsfeier bei besagter WM gewesen seien. Und jetzt, da die Meisterschaft an diesem Mittwoch zu Ende gegangen ist, findet man im Internet Bilder von Siegerehrungen mit Leuten, die Nordkoreas Fahne halten. Nordkorea war also tatsächlich am Start - und gut drauf, wie man im Fachjargon des Sports sagt.

Seit Anfang 2020 schien Nordkorea kein Teil der Welt mehr zu sein

Das Regime des Machthabers Kim Jong-un befreit sich nun anscheinend langsam aus seiner selbst verschriebenen Abschottung. Dichte Grenzen waren sein wichtigstes Werkzeug gegen massenhafte Coronavirus-Ansteckungen, die Nordkoreas mangelhaftes Gesundheitssystem überfordert hätten. Von Anfang 2020 an durfte so gut wie nichts und niemand mehr ins Land.

Hilfsorganisationen und Botschaften räumten ihre Büros in Pjöngjang. Humanitäre Programme mussten gestoppt werden. Selbst die üblichen Schmuggelaktivitäten an der Grenze zu China waren kaum mehr möglich. China schickte das Nötigste zum Überleben mit Schiffen, die im Hafen von Namp'o einliefen; China braucht Nordkorea als Pufferzone zwischen sich und den Soldaten der USA in Südkorea.

Die meisten anderen Länder der Welt kehrten 2022 zur Normalität zurück. Anfang Mai erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Pandemie für beendet. Aber an Nordkoreas Abschottung änderte sich zunächst wenig. Die Parteidiktatur feuerte atomwaffenfähige Testraketen, um seine Gefährlichkeit zu demonstrieren, und schien ansonsten kein Teil der Welt mehr zu sein.

Die staatliche Fluglinie fliegt wieder nach Wladiwostok und Peking

Erste Anzeichen einer Öffnung erwiesen sich als falsche Hoffnung. Anfang Juni stand ein nordkoreanisches Team aus 14 Frauen und Männern auf der Startliste des Olympia-Qualifikationsturniers im Gewichtheben in Havanna, Kuba. Aber das Team kam nicht. Erst jetzt rührt sich wirklich was im undurchsichtigen Reich des Kim Jong-un. Ende Juli merkten Nordkorea-Beobachter auf: Zum 70. Jahrestag des Waffenstillstands, der 1953 die Kämpfe des Korea-Kriegs beendete, empfing Kim Jong-un erstmals seit Beginn der Pandemie Besucher aus dem Ausland. Es kam eine Delegation aus Russland mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu und eine Delegation aus China mit Politbüro-Mitglied Li Hongzhong.

Nordkorea wollte mit den hohen Festgästen sicher eher seine engen Bande mit den US-Widersachern demonstrieren als ein Ende der Grenzschließungen. Trotzdem blieb der Eindruck, dass das Regime seine größte Corona-Angst überwunden hat.

Wenig später rannte der US-Soldat Travis King in der gemeinsamen Sicherheitszone mit Südkorea bei Panmunjeom über die Grenze. Eine lebensgefährliche Aktion, angeblich gab es einen Schießbefehl, um zu verhindern, dass Eindringlinge das Coronavirus ins Land bringen. Aber King wurde ganz normal verhaftet und in Nordkoreas Staatsmedien zuletzt als reuiger US-Kritiker vorgestellt.

Für Machthaber Kim Jong-un war die Abschottung nicht schlecht

Vergangene Woche flogen zum ersten Mal seit Jahren wieder Maschinen der staatlichen Fluglinie Air Koryo nach Wladiwostok und Peking. Diese Woche ließen Nordkoreas Behörden wieder Landsleute über die Grenze, die wegen der strengen Corona-Politik dreieinhalb Jahre lang nicht zu ihren Familien konnten. Und neuerdings sieht man also auch wieder Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner auf internationalen Sportplätzen.

Nordkorea scheint zum Beispiel an der Qualifikation für die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko teilnehmen zu wollen. In der würde das Land unter anderem auf Japan treffen, und das bedeutet: Wenn Nordkoreas Nationalteam seinen Heimvorteil behalten soll, muss das Regime auch Fremde aus einer verfeindeten Nation über die Grenze lassen.

Was die Entwicklung für Nordkoreas diplomatische Beziehungen bedeutet, ist noch nicht klar. Können Nationen wie Deutschland bald wieder ihre Botschaft in Pjöngjang beziehen? Können die unterernährten Menschen im Land bald wieder auf internationale Hilfe hoffen? Für Kim Jong-uns Interessen war die Abschottung im Grunde nicht schlecht. Sie half ihm, Einflüsse aus dem Westen auszusperren. Wegen der UN-Sanktionen kann Kim Jong-un ohnehin nicht viel Positives aus dem Rest der Welt erwarten. Und wegen Chinas bedingungsloser Unterstützung spürt er auch keinen Druck, sein Land schnell für Expats zu öffnen.

Andrei Lankov, Nordkorea-Experte von der Kookmin-Universität in Seoul, rechnet deshalb mit "vielen Monaten, vielleicht sogar einem Jahr oder länger", bis Nordkoreas Grenzpolitik sich wirklich ändert. "Ausländer sollten nicht eilig packen", schreibt Lankov im Fachportal NK News, und selbst wenn sie zurückkehren dürften, hätten sie im Alltag mit dramatischen Einschränkungen zu rechnen.

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