Nordkorea nach Kim Jong Ils Staatsbegräbnis Macht der Untoten

Es ist der gefährlichste Moment für eine Diktatur: Wenn die Figur an der Spitze stirbt, dann gibt es keine natürliche Ordnung mehr - es droht ein Machtkampf oder gar Anarchie. Das Begräbniszeremoniell ist daher überlebenswichtig für totalitäre Staaten. Denn es gibt keine bessere Gelegenheit, die Masse zur Geschlossenheit zu zwingen.

Von Stefan Kornelius

Die Klage folgt immer demselben Rhythmus: Das Land steht still, es heulen die Sirenen, Hunderttausende warten an den Straßen, ihre Blicke sind auf den Sarg gerichtet. Der Machthaber geht, gottgleich hat er geherrscht, gefürchtet und verehrt zugleich. Wer so gelebt hat, der kann nicht einfach in der Gruft verschwinden, der muss ein letztes Mal seine Macht spüren lassen, der muss den Überlebenden noch ein letztes Mal seine Größe zeigen.

Beerdigungszeremoniell für den verstorbenen Diktator Kim Jong Il: Auf dem Dach eines Autos wird ein überlebensgroßes Porträt des Herrschers transportiert.

(Foto: AFP)

Denn dies ist der gefährlichste Moment für eine Diktatur: Wenn die Figur an der Spitze stirbt, dann gibt es keine natürliche Ordnung mehr. Denn die Ordnung war nur er. Jetzt ist die Gefahr groß, dass Anarchie oder ein Machtkampf ausbricht, dass die Herrschaft kollabiert. Deswegen also muss alle Kraft diesem letzten Augenblick gelten, denn im Trauerzug für den Diktator marschieren auch die Erben.

Als Josef Stalin im März 1953 starb, spielten sich in Moskau tagelang bizarre Szenen ab. Als sich die unmittelbare Erregung der Menschen und die Massenhysterie der ersten Stunde gelegt hatten, wurde es still in der Stadt, berichteten die Zeitzeugen. Tausende und Abertausende defilierten am Sarg vorbei. Die kommunistischen Herrscher eilten aus aller Welt nach Moskau, um ein letztes Mal die Nähe des Mannes zu suchen, der selbst im Tod noch Macht verlieh. Der chinesische Premier Tschou-En-lai, der Bulgare Tscherwenkoff, die Deutschen Ulbricht und Grotewohl - alle standen sie Wache am Sarg.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später, in Nordkorea, waren die ausländischen Delegationen ausgeschlossen - viele wären wohl auch nicht gekommen, aber offenbar war sich das Regime der eigenen Geschlossenheit nicht so sicher. Allzu tiefe Einblicke aus der Nähe durften also nicht gewährt werden. So gab wenigstens - wie bei Stalin - die Zusammensetzung des Beerdigungskomitees Aufschluss über die Machtverhältnisse im Land. Der Blick auf den Leichenzug in Pjöngjang zeigt, wer an welcher Stelle der Hierarchie steht.

Beerdigungen großer Führungsfiguren - ob nun Diktatoren, Könige oder demokratische gewählte und gar verehrte Politiker wie unlängst Václav Havel - haben eine wichtige Funktion für den Seelenhaushalt einer Nation. Im Falle Nordkoreas geht es dabei vor allem um die Kontrolle dieser Seelen. Eine Nation, die keine Individualität erlaubt und jede Emotion aus dem öffentlichen Leben verbannt, will im Moment der Trauer auch den Schmerz zu ihren Zwecken nutzen.

Es gibt für die Massenkontrolle keinen besseren Moment als die Phase der Trauer und des Abschieds. Die Trauer verbindet, die Massenhysterie wirkt ansteckend, wer sich entzieht, der fällt auf. Das Bestattungszeremoniell entfaltet deswegen für einen totalitären Staat wie Nordkorea eine wichtige Bindewirkung nach innen, das Volk wird noch einmal zur Geschlossenheit gezwungen. "Die Klagemeute wirkt als Massenkristall", schreibt Elias Canetti in seinem Jahrhundertwerk "Masse und Macht". Canetti hat die Wirkung selbst am stärksten erlebt in den Tagen nach der Ermordung des liberalen Politikers und Außenministers der Weimarer Republik, Walter Rathenau, im Juni 1922 - Tage, in denen sich der Zorn und die Trauer in Massendemonstrationen und Tumulten im Reichstag entluden.

Canettis Beobachtung großer trauernder und klagender Massen trifft auch heute noch auf Nordkorea zu: "Ihre Gesinnung schlägt um in die einer Kriegsmeute. . . . Klagereligionen sind für den seelischen Haushalt der Menschen unentbehrlich, solange sie das Töten in Massen nicht aufgeben können."

Große Bestattungszeremonien lassen die Trauergemeinde auch in einem Gefühl der Leere und der Bedeutungslosigkeit zurück - alles willkommene Effekte für Herrscher oder Institutionen zur Hervorhebung ihres Machtanspruches. Als Ronald Reagan in Kalifornien beerdigt wurde, da standen 100 000 Menschen an den Straßenrändern. Zuvor hatte die Staatsmacht in Washington in allem Pomp deutlich gemacht, dass das Präsidentenamt der Normalsterblichkeit entrückt ist.

Nicht anders die Wirkung bei der Beisetzung von Lady Diana. Hier waren es allerdings die trauernden Massen, die vom Königshaus ein Staatsbegräbnis einforderten. Der Palast und die Queen, ursprünglich strikt gegen eine Hervorhebung der geschiedenen Diana, mussten sich schließlich fügen. Hätten sie das Zeremoniell verweigert - sie hätten dem Thron selbst am meisten geschadet.

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