In den sozialen Medien war jüngst ein Video zu sehen, in dem namenlose Soldaten in einer ungenannten russischen Militäreinrichtung Uniformteile ausgehändigt bekommen. Offenbar waren es Nordkoreaner, die an der Seite der russischen Armee im Ukraine-Krieg kämpfen und auf dem offenbar heimlich aufgenommenen Video ihre Ausrüstungsstücke in Empfang nehmen. Russland und das ihm immer enger verbundene Nordkorea wollen sich zwar nicht zur Frage des Einsatzes nicht äußern. Aber die USA, die Nato und die Geheimdienste Südkoreas haben die von der Ukraine behauptete Anwesenheit der Truppen in Russland längst bestätigt.
Jetzt sind diese Truppen nach ukrainischen Angaben angeblich erstmals in Gefechte verwickelt gewesen: Ein Geheimdienstvertreter sagte laut dem Onlinemagazin Kiev Independent, nordkoreanische Soldaten seien im russischen Bezirk Kursk unter Feuer genommen worden.
War ursprünglich nur von 3000, dann von 7000 oder 8000 Nordkoreanern die Rede, ist nun in Kiew und bei westlichen Regierungen die Zahl von 10 000 bis 12 000 Soldaten im Umlauf. Damit internationalisiert sich der Ukraine-Krieg nach fast drei Jahren weiter. Denn der Einsatz der Truppen aus Fernost würde sich stark von der westlichen Unterstützung für Kiew unterscheiden: In der Ukraine mag es Ausbilder und Trainer aus Unterstützer-Staaten geben, aber bisher kämpfen keine Angehörigen westlicher Armeen an der Seite der Ukrainer.
Kämpfende Nordkoreaner werden „selbstverständlich zu Zielen“
Der Sprecher des US-Sicherheitsrates, John Kirby, sagte laut Kiev Independent, dass diese Nordkoreaner „selbstverständlich zu Zielen“ würden, wenn sie gegen Ukrainer kämpfen sollten: „Also besteht die Möglichkeit, dass es tote und verletzte nordkoreanische Soldaten geben wird, wenn sie eingesetzt werden.“
Medienberichten zufolge sollen etwa 500 nordkoreanischen Offiziere diese Truppen befehligen, unter ihren drei Generäle. Unklar ist bisher, welche militärische Rolle die Nordkoreaner spielen könnten und wie sich auf dem Schlachtfeld die naheliegenden Probleme in der Kommunikation zwischen den russischen und den koreanischen Einheiten lösen ließen. Kämpfen sollen die von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un bereitgestellten Einheiten vorerst wohl nur auf russischem Boden, in der südrussischen Region Kursk. In dem Grenzgebiet nahe der gleichnamigen russischen Stadt haben sich mehrere tausend Ukrainer nach einem für Moskau überraschenden Angriff im August festgesetzt und nach dem Erlahmen ihres Vorstoßes Verteidigungsstellungen aufgebaut.
Wie kampfstark die Nordkoreaner sind, wird sich zeigen. Nordkorea ist ein seit Jahrzehnten durchmilitarisiertes Land, das in Ideologie und Alltag vom Konflikt mit dem Bruderstaat und Nachbarland Südkorea geprägt ist. Die zwei asiatischen Staaten haben nach dem Korea-Krieg von 1950 bis 1953 keinen Friedensvertrag geschlossen. Die Truppen des diktatorischen Regimes in Pjöngjang, dass einer eigenen, um die Herrscherfamilie zentrierten Spielform des Sozialismus folgt, stehen in einer Art von Dauerkampfbereitschaft. Sie sind aber anders als die Armee Südkoreas an teilweise veralteten Waffen ausgebildet, die sich an sowjetisches, russisches und chinesisches Gerät anlehnen.
Erfahrung sammeln für einen Kampf daheim?
Zudem ist die Topografie des ukrainisch-russischen Gefechtsfeldes anders als das in Korea. Die Nordkoreaner sind nach Expertenmeinung eher für den Kampf in hügeligem und gebirgigem Terrain ausgebildet und weniger für den Einsatz in der flachen, manchmal steppenartigen Landschaft Südrusslands oder der Ukraine. Zudem haben die ukrainischen Truppen im Gegensatz zu den Koreanern nach fast drei Jahren Krieg viel Erfahrung im Grabenkampf bei gleichzeitiger Drohnen-Kriegsführung und beim Einsatz digitaler Kriegstechnik.
Möglicherweise setzt Nordkoreas Diktator bewusst darauf, dass seine Soldaten im Ukraine-Krieg Kampferfahrungen sammeln. Dies könnte in einem zukünftigen Konflikt mit dem Nachbarn Südkorea nützlich sein. Kim hat Südkorea kürzlich erneut zum Feindstaat erklärt und die Grenze wieder zu einer Art von Aufmarschgebiet ausgebaut. Da die USA eine Schutzgarantie für Südkorea aufrechterhalten und sich China als Schutzmacht Nordkoreas versteht, dürfte ein innerkoreanischer Konflikt zu einem großen Waffengang führen.
Unabhängig von der Rolle, die die nordkoreanischen Truppen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine spielen werden, führt die russisch-nordkoreanische Gefechtsfeld-Allianz zu weiteren geopolitischen Risiken. Kim wird sich den Einsatz seiner Soldaten von Russlands Präsident Wladimir Putin teuer bezahlen lassen: Er dürfte vor allem auf den Transfer von russischer Technik und Know-how für sein Raketen- und Atomwaffenprogramm setzen. Dies aber fürchtet man in Südkorea und im Westen. Zudem braucht das Land aber Nahrungsmittel, Rohstoffe, Energie und sonstige Hilfsgüter.
Nach einem Treffen des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell mit dem südkoreanischen Außenminister Cho Tae-yul in Seoul verurteilten beide laut der Nachrichtenagentur AP „in der schärfstmöglichen Form“ den Einsatz der Nordkoreaner. „Wir sind zutiefst besorgt wegen der Möglichkeit, dass mit Atomwaffen oder ballistischen Raketen verbundene Technik an die Volksrepublik Nordkorea weitergegeben werden könnte. Das würde die internationalen Bemühungen um die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen und die Bemühungen um Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel bedrohen“, erklärten die Diplomaten.

