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Nordkorea:Kims Monster

Zum 75. Geburtstag der Arbeiterpartei präsentiert der Diktator aus Pjöngjang eine gewaltige Rakete. Noch beunruhigender ist allerdings, dass er seine konventionellen Streitkräfte modernisiert. Das könnte die koreanische Halbinsel destabilisieren.

Von Paul-Anton Krüger

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un hat sich bei den Feiern zum 75. Geburtstag der Arbeiterpartei versöhnlich gezeigt: Keine rhetorischen Attacken auf seinen Brieffreund in Amerika, Präsident Donald Trump. Warme Worte richtete er an den südlichen Nachbarn, dem seine Schwester im Sommer noch mit Krieg gedroht hatte. Und gegenüber dem eigenen Volk, dem es an Nahrung und grundlegenden Gütern fehlt, gab sich der Staatschef geradezu demütig.

Die Botschaft der Militärparade ist freilich eine andere: Zwar übertrat Kim nicht Trumps rote Linie, Raketen interkontinentaler Reichweite zu testen. Er ließ aber einen gewaltigen Flugkörper über den Kim- Il-sung-Platz fahren, der an Reichweite und Nutzlast alles aus Nordkorea Bekannte übertreffen würde. Es ist der wenig subtile Hinweis darauf, dass es auch anders ginge, sollte nach der US-Wahl nicht Bewegung in die verfahrene Lage kommen.

Ob dieses Monster fliegt, ist eine offene Frage. Was allerdings mehr Besorgnis auslösen muss: Kim lässt nicht nur demonstrieren, dass er seine strategische Abschreckung auszubauen gedenkt. Er betreibt zugleich auch eine umfassende Modernisierung seiner konventionellen Streitkräfte, obwohl seine Landsleute hungern. Für die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel könnte das weitaus schwerwiegendere Folgen haben.

© SZ vom 12.10.2020
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