Nordkorea:Kim Jong Uns Mentor muss gehen

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Warum entmachtet Nordkoreas Politbüro den Oberbefehlshaber der Armee? Die Umstände sind rätselhaft - schließlich war Ri Yong Ho ein enger Vertrauter des jungen Diktators Kim Jong Un. Hat sich Ri gegen Reformen gewehrt? Welche Rolle spielt die Frau an Kims Seite?

Christoph Neidhart, Tokio

Ein Machtkampf, anders lässt sich nur schwer erklären, was sich derzeit in Nordkorea abspielt: Das Politbüro der nordkoreanischen Arbeiterpartei hat überraschend den Oberbefehlshaber der 1,2 Millionen Mann starken Armee all seiner Ämter enthoben. Begründet wurde der Rausschmiss des 70-jährigen Vize-Marschalls Ri Yong Ho in einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur mit einer nicht näher benannten "Krankheit".

Ri war bisher einer der Mentoren von Kim Jong Un, dem etwa 29-jährigen Diktator, der nach dem Tod des "Geliebten Führers" Kim Jong Il im Dezember viel früher als erwartet und unvorbereitet an die Macht kam. Beim Begräbnis von Kim Jong Il wich Ri nicht von der Seite Kim Jong Uns, auch bei vielen öffentlichen Auftritten begleitete er seither den Nachwuchsdiktator. Kim dürfte es Ri verdanken, dass die Machtübernahme nach dem Tod seines Vaters so reibungslos verlief.

Kim Jong Il scheint den 2009 zum Generalstabschef ernannten Ri gezielt auf die Aufgabe vorbereitet zu haben, seinem Sohn eine Art Vormund zu sein. So zumindest deuten die Experten in Seoul Ris Aufstieg. Es sind keine Indizien dafür bekannt, dass Ri dem Kim-Clan nicht loyal ergeben war.

Warnung an die Hardliner

Die weiteren Mentoren, Kims Tante Kim Kyong Hui und ihr Mann Jang Sung Taek, der wie Ri den Rang eines Vize-Chefs der zentralen Verteidigungskommission bekleidet, sind über Familienbande mit dem jungen Diktator verbunden. Anders als Ri sind sie seit der Beerdigung Kim Jong Ils jedoch kaum öffentlich aufgetreten.

Sicherlich sei Krankheit nicht der Grund für Ris Sturz, bei dem der Vize-Marschall auch alle seine Parteiämter verlor, schrieb DailyNK am Montag. Als Beleg nannte die Nordkorea-kritische Onlinezeitung zahlreiche Funktionäre, die ihre Ämter trotz schwerer Krankheit bis zum Tod behielten.

DailyNK fragt vielmehr, ob Ri jetzt, da die Partei die Armee unter ihrer Kontrolle habe, auch deshalb geschasst wurde, weil man die Hardliner unter den Generälen damit warnen wollte. Ob Kim Jong Un sogar Reformen plane, gegen die Ri sich vielleicht gesperrt hat?

Die Frau an seiner Seite

Indizien jedenfalls gibt es: Kürzlich übertrug des nordkoreanische Fernsehen eine Show mit Mickey Mouse, Winnie Puuh und Filmclips von Sylvester Stallone. Frank Sinatra trällerte "My Way", Mädchen trugen Miniröcke, wie der Norden Koreas sie noch nie gesehen hatte. Der junge Diktator beklatschte die Show.

Kim Jong Un entlässt seinen Mentor Ri Yong Ho

Auf diesem Archivfoto steht Ri Yong Ho (Zweiter von links) noch in der ersten Reihe neben Kim Jong Un. Nun ist er seiner Ämter enthoben worden.

(Foto: AFP)

Die Nordkorea-Experten rätseln, wie sie diese Offenheit gegenüber den Symbolen des US-Feindes deuten sollen. Koh Yu Hwan von der Dongguk-Uni Seoul beschwört bereits eine "Glasnost". So nannte Michail Gorbatschow in der Sowjetunion seine erste Lockerung der Zensur.

Allerdings darf man Nordkorea nicht mit der Sowjetunion vergleichen. In Moskau gab es kritische Intellektuelle und eine informelle Gegenöffentlichkeit. Wenn in Pjöngjang ähnlich kritische Denker aktiv wären, wüsste man das in Südkorea. Dennoch versuchen die Optimisten den Sturz des Vize-Marschalls als Zeichen zu deuten, Kim werde Nordkorea reformieren.

Atommacht qua Verfassung

In den vergangenen Wochen zeigte sich Kim mehrfach mit einer jungen Frau mit modischem Kurzhaar. Die südkoreanischen Medien meinen, sie sei Kim Jong Uns Frau. Ein Experte behauptet, die beiden hätten 2009 geheiratet, sie hätten ein zweijähriges Kind. Doch wie bei fast allen Angaben über das Regime im Norden gibt es auch dafür weder Belege noch eine Bestätigung durch eine zweite Quelle.

Vize-Marschall Ri könnte derweil auch aus anderen Gründen abserviert worden sein. Vielleicht musste er als Sündenbock für den gescheiterten Satellitenstart im Frühjahr geradestehen, für den er sich stark gemacht haben soll. Oder er hat wie andere nordkoreanische Generäle einen neuen Atomtest gefordert. Die USA erwarten seit Monaten einen solchen Test. Pjöngjang signalisierte jedoch, es sei nichts geplant. Zugleich hat die nordkoreanische Volksversammlung aber die Verfassung geändert. Seither ist Nordkorea Atommacht qua Grundgesetz.

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