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Nordkorea:Kim Jong Un spielt Psycho-Krieg

Nordkorea: Diktator Kim Jong Un spielt Psycho-Krieg

Diktator Kim Jong Un bei einem Truppenbesuch: Fernglas und Zigarette in einer Hand

(Foto: AFP)

Das Schauspiel hat schon fast Tradition: Südkorea und die USA ziehen ins Manöver, Nordkorea reagiert mit wüsten Drohungen. Diesmal klingt das Säbelrasseln jedoch besonders gefährlich, weil das Motiv des Diktators Kim Jong Un rätselhaft ist. Will er die Anerkennung als Atommacht? Oder wird er ein Opfer der eigenen Propaganda?

Jedes Jahr im Februar beginnt auf der koreanischen Halbinsel ein Schauspiel, das in seiner Vorhersehbarkeit an den Zug von Singvögeln erinnert: Land-, See- und Luftstreitkräfte der südkoreanischen und der US-Armee formieren sich zu einer Übung, Offiziere bemannen Kommandostäbe, Soldaten ziehen ins Gelände.

Man könnte dieses Manöver schon eine gute alte Tradition nennen, weil es seit 1976 zur immer gleichen Reaktion führt: Nordkorea nimmt die Übung zum Anlass für wüste Drohungen, es beginnt einen politischen Veitstanz und vergisst nicht selten seine Grenzen. Im März 2010 wurde die südkoreanische Korvette Cheonan in dieser aufgeladenen Atmosphäre versenkt. Der Torpedo kam wohl aus dem Norden.

Die Anrufung des Heiligen Veit reicht schon lange nicht mehr aus, um an diesem hochgerüsteten und stets explosionsgefährdeten Flecken Erde für Beruhigung zu sorgen. Nordkorea denkt angesichts der Manöver gar nicht an Mäßigung wie einst der Löwe in der Zirkusarena, der sich der Legende nach vor dem heiligen Veit in den Staub legte anstatt ihn aufzufressen.

Eine ganze Weile lang, nach dem Tod von Gründungsdiktator Kim Il Sung 1994 und unter dem Eindruck des Epochenwechsels in Europa, verzichteten die USA und Südkorea auf das Manöver. Freilich nutzte auch diese Geste nichts - Nordkorea, unter der Führung des zweiten Kim, mochte weder abrüsten noch von der Atomforschung lassen. Heute, unter Kim III., ist Nordkorea Nuklearmacht und gebärdet sich so kriegerisch wie selten zuvor. Man braucht weniger einen Strategen als einen Psychologen, um darin noch Rationalität zu erkennen.

Erstens also die Manöver: Sie sind lediglich ein Vorwand, ein gerne genommener Anlass für den Norden, um den Veitstanz zu beginnen. Vielleicht wäre es deshalb klug, diese ritualisierten Übungen wieder einmal auszusetzen. Trainieren lässt sich heute jederzeit - vor allem am Computer. Und ein Militär kann auch ohne historisches Tamtam üben. Gleichwohl ist es richtig, dass die USA in der angespannten Situation Standfestigkeit beweisen und - ebenfalls symbolisch - ein paar Flugzeuge nach Südkorea verlegen. Alles andere könnte als Schwäche und Nachgiebigkeit ausgelegt werden.

Denn nun kommt, zweitens, die Psychologie ins Spiel. Da drehen selbst die professionellen Nordkorea-Deuter im Süden der Halbinsel wilde Kapriolen, um dem Verhaltensmuster des Diktators Kim Jong Un einen Sinn abzugewinnen. Nach drei Nukleartests und einem spektakulären Raketenstart geht es Kim (oder seinen Marionetten-Meistern aus dem Militär im Hintergrund) jetzt um die Legitimierung als Nuklearmacht. Immer und immer wieder lässt er wissen, dass sein Atomarsenal nicht zur Verhandlungsmasse gehört.

Will er also die Akzeptanz erreichen wie einst Indien und Pakistan? Weil keiner außer den Chinesen und dem naiven Basketballer Dennis Rodman mit ihm redet, weiß man es nicht. Und die Chinesen werden kein Interesse an einer legitimierten Nuklearmacht Nordkorea haben. Die japanische Bombe wäre nicht weit.

Hinter dem Motiv-Rätsel verbirgt sich aber ein größeres Problem, das die Säbelrasselei zur Kirschblüte diesmal besonders gefährlich klingen lässt: Was, bitteschön, ist denn die Realität für den jungen Kim? Ist der neue Oberbefehlshaber bei allem Getöse ein rationaler Akteur, oder sieht er die Welt durch eine eigens für ihn gefertigte Linse?

Wahrnehmung ist am Ende alles, und nirgendwo auf der Welt gibt es eine eigentümlichere Sicht auf die Dinge als in Nordkorea. Seit 65 Jahren deutet sich das Regime die Welt zurecht. Gut möglich, dass Kim III. so sehr an diese Welt glaubt, dass er dafür zu kämpfen bereit wäre - ein Opfer der eigenen Propaganda.