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Nordkorea:"Mühsamer Marsch"

Schon im März hatte Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un vor großen Problemen gewarnt.

(Foto: STR/AFP)

Kim Jong-un stellt sein Land auf harte Zeiten ein. Sogar Vergleiche mit der Hungersnot der Neunzigerjahre sind dem nordkoreanischen Diktator nicht zu drastisch.

Von Christoph Giesen, Peking

Nordkorea steht womöglich ein neuer "mühsamer Marsch" bevor. Was nach abgedroschener Parteipropaganda klingt, ist in dem abgeschotteten Land ein Begriff, der jedem Bewohner Angst einflößt: Mit dieser Redewendung wird die Hungersnot umschrieben, bei der zwischen 1994 und 1998 schätzungsweise bis zu drei Millionen Nordkoreaner gestorben sind. Misswirtschaft, Naturkatastrophen und der Verlust sowjetischer Hilfen hatten das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Wer in Nordkorea vor einem "mühsamen Marsch" warnt, kündigt an, dass sich die Menschen auf das Schlimmste gefasst machen müssen.

Genau das hat am vergangenen Donnerstag Staatschef Kim Jong-un getan. Bei einer Veranstaltung der nordkoreanischen Arbeiterpartei sprach der Machthaber laut Nordkoreas amtlicher Nachrichtenagentur KCNA vor Tausenden Kadern von einem "mühsamen Marsch". In den vergangenen Wochen hatte Kim zwar immer wieder erklärt, sein Land sei aufgrund der Coronapandemie, der UN-Sanktionen und des schlechten Wetters mit der "schlimmsten" Situation aller Zeiten konfrontiert. Es ist jedoch das erste Mal, dass er öffentlich eine Parallele zur tödlichen Hungersnot der Neunzigerjahre zieht. Die Lage scheint so ernst zu sein, dass sie zum größten Test seiner neunjährigen Herrschaft werden könnte.

Wie genau es derzeit um Nordkorea bestellt ist, lässt sich noch schwieriger beurteilen als sonst. Die allermeisten ausländischen Vertretungen in der Hauptstadt Pjöngjang haben aufgrund der Pandemie geschlossen. Die deutsche Botschaft ist seit März vergangenen Jahres verwaist. Auch die Vertreter der ohnehin wenigen Hilfsorganisationen haben das Land verlassen. Vor allem ein paar russische und chinesische Diplomaten halten noch die Stellung in Nordkorea. Der einst florierende Grenzhandel mit China ist weitestgehend zum Erliegen gekommen. Chinesische Daten zeigen, dass Nordkoreas Austausch mit seinem größten Handelspartner und Wohltäter im vergangenen Jahr nach der Schließung der nordkoreanischen Grenze aufgrund strenger Pandemiemaßnahmen um etwa 80 Prozent geschrumpft ist.

China könnte das Schlimmste verhüten

Das Land steckt in einem Dilemma: Ein schwerwiegender Ausbruch des Coronavirus hätte katastrophale Folgen, viele Nordkoreaner sind mangelernährt, das Gesundheitssystem liegt darnieder. Einige Fachleute glauben trotzdem nicht, dass die anhaltenden Schwierigkeiten Nordkoreas zu einer Hungersnot wie in den Neunzigern führen werden - weil China das nicht zulassen werde. Zu groß sei in Peking die Furcht vor einer nordkoreanischen Flüchtlingswelle.

Ein Indiz könnte ein Austausch zwischen Kim und dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping im März sein. In Nordkoreas Staatsmedien hieß es danach: Xi habe sich verpflichtet, "den Völkern beider Länder ein besseres Leben zu ermöglichen". Einige Analysten deuten das als Beleg, dass China Nordkorea bald mit dringend benötigten Lebensmitteln, Dünger und Treibstoff versorgen wird; Gütern, deren Importe wegen der pandemiebedingten Grenzschließungen erheblich reduziert worden waren.

© SZ/skle
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