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Kim Jong-un:Schlechtes Wetter - in Nordkorea Chefsache

Kim Jong Un

Ganz in Weiß: Diktator Kim Jong-un (Mitte) tagte am Dienstag mit dem Politbüro – so zumindest gibt es Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur an.

(Foto: Korean Central News Agency/Korea News Service via AP)

Nach Gerüchten, der Diktator liege im Koma, zeigt sich Kim Jong-un als zupackender Krisenmanager. Berichten zufolge befasst der sich mit dem Taifun "Bavi", mit der Corona-Bekämpfung und unternimmt zudem einen ungewöhnlich schnellen Schritt.

Von Thomas Hahn, Tokio

Schlechtes Wetter ist Chefsache in Nordkorea, daran lässt Kim Jong-un keinen Zweifel. Die Zeitung Rodong Sinmun, das Zentralorgan der regierenden Arbeiterpartei, berichtete am Mittwoch auf ihrer Titelseite, dass Staatschef Kim am Dienstag höchstselbst die erweiterte Politbüro-Sitzung in Pjöngjang zum bevorstehenden Taifun Bavi geleitet habe. Das offizielle Video zum Auftritt zeigte einen vitalen Kim, der gestenreich das Wort führt.

Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA zitierte Kim mit den Worten: "Todesfällen durch den Taifun vorzubeugen und den Schaden der Ernte so klein wie möglich zu halten, ist eine wichtige Aufgabe, die nicht einen Augenblick lang von unserer Partei vernachlässigt werden darf." Die Menschen in Nordkorea sollten das Gefühl haben, sie seien in besten Händen.

Kim Jong-un arbeitet also. Diese Erkenntnis allein hatte schon Nachrichtenwert für alle, die dieser Tage interessiert und rätselnd auf das abgeschlossene Land im Norden der koreanischen Halbinsel schauen. Denn Kims Gesundheit ist seit Monaten ein Thema internationaler Medien, manche Zeitung bereitete schon den Nachruf vor.

Seit Kim Jong-un im April und Mai für mehrere Tage am Stück nicht öffentlich zu sehen war, gibt es Spekulationen über seinen Zustand. Er ist übergewichtig, zuckerkrank, Raucher - er gehört also zur Risikogruppe der Corona-Pandemie. Und zuletzt hatte Chang Song-min, einst Mitarbeiter des früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung, auf Facebook seine Ansicht geteilt, dass Kim im Koma liege. Das Medienecho war riesig. Viele fragten sich: Stimmt das?

Nach den Eindrücken vom Mittwoch stimmt es nicht. Mehr als seine eigene Gesundheit beschäftigt Kim Jong-un demnach gerade das Befinden seines Landes. Denn es gibt große Probleme. Der Taifun Bavi oder Taifun 8, wie er in Nordkorea auch heißt, soll am Donnerstagmorgen mit großer Wucht von Westen her über das Land fegen.

Heftige Niederschläge könnten Teile der Ernte zerstören. Lebensmittel sind in Nordkorea knapp, deshalb wäre ein verheerender Sturm besonders schlimm - erst recht in diesem Jahr, denn wegen der Pandemie will das Regime eigentlich keine Hilfe aus dem Ausland über die Grenze lassen.

Neuer Kongress der Arbeiterpartei - nur vier Jahre und acht Monate nach dem vorherigen

Das Coronavirus ist eine weitere Herausforderung, die Nordkorea Angst macht. Das Gesundheitssystem ist schlecht, ein Ausbruch könnte viele Opfer fordern, und die Lage ist undurchsichtig. Lange feierten die Staatsmedien die Bilanz von null Covid-19-Fällen. Das tun sie nicht mehr. Laut KCNA sprach Kim bei der Politbürositzung am Dienstag sogar über Lücken in der Virus-Abwehr und "unterstrich die Notwendigkeit, die gesamte Partei und die Gesellschaft an aktiven Maßnahmen zu beteiligen, um (...) Mängel zu beseitigen".

Das dritte große Problem ist die Wirtschaft, die unter den Sanktionen des UN-Sicherheitsrats ächzt. Nach Berichten des südkoreanischen Geheimdienstes (NIS) hat Kim Jong-un zuletzt die Macht in seinem Staatsapparat gleichmäßiger auf Partei, Regierung und Militär verteilt. Dabei soll er seiner Schwester Kim Yo-jong, laut NIS "de facto die Nummer zwei" im Staat hinter Kim Jong-un, noch mehr Kompetenzen überlassen haben.

Aber die marode Wirtschaft scheint Kim Jong-un auch sehr zu beschäftigen. Für nächsten Januar hat er den achten Kongress der Arbeiterpartei angekündigt. Formell ist der Kongress das oberste politische Organ Nordkoreas, in Wirklichkeit ein eher selten einberufener Verlautbarungskonvent für den Machthaber.

Der neue Termin kommt ungewöhnlich früh, nur vier Jahre und acht Monate nach dem siebten Kongress aus dem Mai 2016. Aber vor allem ist ungewöhnlich, wie offen das Zentralkomitee der Partei über den Grund für die Versammlung spricht: In einer Resolution heißt es, der Kongress sei notwendig, weil das Land weit hinter seinen Zielen für Wachstum und Entwicklung zurückbleibe. Kim Jong-un werde einen neuen Fünf-Jahres-Plan vorstellen.

Daraus kann man nicht nur ableiten, dass es dem Land schlecht geht. Sondern auch, dass Kim Jong-un sich der Lage bewusst ist. Die südkoreanische Zeitung Hankyoreh zitiert einen hohen Regierungsbeamten aus Seoul, für den dieses Vorgehen den Charakter des Staatschefs zeigt: Kim sei ein Pragmatiker, der entschlossen ist, "die Realität nicht zu leugnen".

Vor etwas mehr als zwei Monaten fiel Nordkorea noch mit aggressiven Ansagen gegen Südkorea auf, weil Menschenrechtsgruppen Ballons mit regimekritischen Texten über die demilitarisierte Zone fliegen ließen. Kim Yo-jong war damals die Wortführerin. Das Regime sprengte des teure Verbindungsbüro in Kaesong. Kurz danach herrschte Ruhe, was sicher auch damit zu tun hatte, dass Südkoreas liberale Regierung strenger gegen die Aktivisten vorging.

Und jetzt? Kleinlaut ist Nordkorea nicht, die Propaganda lässt keine Zweifel am Regime zu. Aber man sieht dem Reich des Kim Jong-un mehr denn je an, dass es verwundbar ist.

© SZ vom 27.08.2020/gal
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