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Nordkorea:Drohgebärden aus Pjöngjang

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un sprach vor einem Jahr noch mit US-Präsident Donald Trump über Abrüstung, nun will er die „nukleare Abschreckung“ seines Landes ausbauen.

(Foto: AFP)

Wochenlang war er abgetaucht, nun sorgt er mit lauten Tönen für Aufsehen: Diktator Kim will seine Armee nuklear aufrüsten.

Nordkorea rüstet seine nuklearen Streitkräfte auf. Zumindest ist das der Eindruck, den Staatschef Kim Jong-un hinterließ, als er am Wochenende die jüngste Sitzung der Zentralen Militärkommission seiner Arbeiterpartei leitete. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA berichtete, auf der Sitzung seien Maßnahmen diskutiert worden, um die Armee "politisch, ideologisch und bezüglich der Militärtechnik zu stärken". Man habe "neue Richtlinien vorgestellt, um die nukleare Kriegsabschreckung des Landes zu erhöhen und die strategischen Streitkräfte in hohe Alarmbereitschaft zu versetzen". Die Botschaft des Berichts lautete: Nordkorea und sein Führer sind voller Kraft und Entschlossenheit.

Kim Jong-un braucht solche Zeichen gerade mehr denn je. Denn Nordkorea wirkt angeschlagen in der Pandemie. Wegen seines schlechten Gesundheitssystems ist das Land besonders anfällig. Weil es sich wegen das Coronavirus noch konsequenter abgeschottet hat als ohnehin schon, fürchten Beobachter eine Hungerkrise. Und um Kim Jong-uns Gesundheit gab es zuletzt auch viele Gerüchte. Ehe Kim am 1. Mai demonstrativ eine Düngemittelfabrik eröffnete, war er wochenlang verschwunden. Es gab Spekulationen, Kim sei gestorben, zumindest aber schwer herzkrank.

Sein Auftritt vor der Militärkommission war der erste seit dem 1. Mai. Wieder hatte es Spekulationen gegeben, zumal auch Kims potenzielle Nachfolgerin, seine Schwester und Propaganda-Beauftragte Kim Yo-jong, sowie andere hohe Persönlichkeiten nicht zu sehen waren. Wegen geheimer Führungswechsel? Wegen stiller Vorbereitungen einer neuen Offensive? Oder beherzigten Kim und sein Gefolge einfach nur die Abstandsregeln der Pandemie? Noch am Freitag sagte ein Sprecher der südkoreanischen Regierung: "Die relevanten Behörden haben ein Auge drauf."

Aber jetzt hat sich Kim Yong-un wieder als starker Staatsmann präsentiert, und die Debatten um ihn gehen in eine neue Richtung. Warum spricht er jetzt von Aufrüstung? Südkoreas Regierung teilte dazu vorerst nur mit, man analysiere, was Kim Jong-un mit den angekündigten Maßnahmen überhaupt meine. Unabhängige Nordkorea-Experten wiederum sagen, auf der Sitzung wollte Kim die Armee auf Disziplin und Zusammenhalt einschwören, nachdem das Coronavirus die gewohnten Gruppenübungen verhindert habe.

Vor allem aber sehen sie in dem scharfen Ton ein Signal Richtung US-Präsident Donald Trump, damit dieser die Verhandlungen um die Aufhebung der internationalen Sanktionen gegen das kommunistische Regime wiederaufnimmt. An Chan-il, Chef des Weltinstituts für Nordkorea-Studien, urteilte in der Korea Times, Pjöngjang wolle Washington vor den US-Präsidentschaftswahlen im November zeigen, "dass es zu militärischen Provokationen bereit ist, wenn die Trump-Administration weiter den Nukleardialog verzögert". Weitere Experten halten Atomwaffentests rund um den 25. Juni für möglich. Am 25. Juni jährt sich der Beginn des Koreakriegs zum 70. Mal.

© SZ vom 25.05.2020

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