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Nordkorea:Die Sorge vor der Bombe

Ein UN-Bericht geht davon aus, dass Pjöngjang sein Atomprogramm vorantreibt. Kleine Atomsprengköpfe habe das Regime schon entwickelt.

Von Paul-Anton Krüger

Nordkorea treibt sein Nuklearwaffen-Programm unvermindert voran und hat wahrscheinlich bereits miniaturisierte Atomsprengköpfe entwickelt. Diese Einschätzung zitiert eine Expertengruppe der Vereinten Nationen, die im Auftrag des Sicherheitsrates das Embargo gegen Pjöngjang überwacht, und stützt sich dabei auf "mehrere Mitgliedstaaten". Der Entwicklungsschritt ist für den Bau einsatzfähiger Atomwaffen einer der entscheidenden. Die Produktion von hochangereichertem Uran werde fortgesetzt, ebenso der Bau eine experimentellen Leichtwasserreaktors. Ein Mitgliedstaat gehe auch davon aus, dass weiterhin Sprengköpfe gebaut würden. Deren Zahl schätzen Experten auf 20 bis 40. Nordkorea verfügt demnach über genügend spaltbares Material für insgesamt mindestens 60 Sprengköpfe, möglicherweise aber auch deutlich mehr.

Das Regime hat mit einer Serie von Tests bewiesen, dass es nukleare Sprengsätze bauen kann

Das Regime von Diktator Kim Jong-un hat mit einer Serie von mindestens sechs Atomtests mit steigender Sprengkraft zwischen 2006 und 2017 unter Beweis gestellt, dass es nukleare und thermonukleare Sprengsätze bauen kann. Einsatzfähige Waffen werden daraus allerdings erst, wenn sie klein und leicht genug sind, um auf ein Trägermittel zu passen, im Falle Nordkoreas ballistische Raketen. Zudem müssen mit Raketen verschossene Gefechtsköpfe den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstehen, der extreme Temperaturen und Vibrationen verursacht.

Der US-Militärgeheimdienst Defense Intelligence Agency (DIA) war bereits 2017 zu der Schlussfolgerung gelangt, dass Nordkorea in der Lage ist, miniaturisierte Gefechtsköpfe zu bauen. Die japanische Regierung hatte im August 2019 ihre Einschätzung dahingehend geändert, nachdem sie zuvor bereits davon ausgegangen war, dass Pjöngjang über diese Fähigkeit verfügen könnte. Einer Geheimdiensteinschätzung nach, die in dem Bericht zitiert wird, arbeitet Nordkorea daran, Mehrfachsprengköpfe zu entwickeln und andere Technologien, deren Ziel es ist, Raketenabwehrsysteme wie die der USA zu umgehen.

Die UN-Experten kommen überdies zu dem Ergebnis, dass Nordkorea trotz der Corona-Pandemie seine von Januar bis März weitgehend eingestellten Bemühungen wieder aufgenommen hat, die UN-Sanktionen zu unterlaufen. So heißt es in dem an den Sicherheitsrat adressierten Report, dass nordkoreanische Schiffe wieder illegal Kohle in chinesischen Gewässern gelöscht haben. Auch habe Korea die Einfuhr von Waren und Gütern auf dem Landweg wieder aufgenommen. Zudem habe das Land durch Cyber-Attacken geschätzt zwei Milliarden Dollar eingenommen.

Vergangenes Jahr ist Nordkoreas Wirtschaft nach Angaben der Zentralbank in Südkorea leicht um 0,4 Prozent gewachsen. 2018 war die Wirtschaftsleistung noch wegen einer Dürre und den Folgen der Sanktionen um 4,1 Prozent eingebrochen. Trotz dreier Treffen mit US-Präsident Donald Trump hat Kim erhoffte Sanktionserleichterungen nicht erhalten, zugleich aber nie ernsthaft an dem Atomwaffenarsenal gerührt. Jüngst sagte er, einen Krieg werde sein Land nicht mehr führen müssen, die nukleare Bewaffnung garantiere die Sicherheit.

© SZ vom 05.08.2020

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