Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Deutschland macht Botschaft in Nordkorea dicht

  • Die Entscheidung zur Evakuierung der deutschen Botschaft in Nordkorea erfolge nicht aus medizinischen Gründen, heißt es aus dem Auswärtigen Amt.
  • Ausschlaggebend sei eine nordkoreanische Anweisung gewesen, dass niemand das Diplomatenviertel mehr verlassen dürfe.
  • Deutschland ist der erste Staat, der diesen Schritt vollzieht.

Deutschland schließt vorübergehend seine Botschaft in Nordkorea. Vier Diplomaten und zwei Ehepartner sollen gemeinsam mit etwa 60 weiteren Ausländern voraussichtlich Ende kommender Woche mit einem Sonderflug der nordkoreanischen Staatslinie nach Wladiwostok ausgeflogen werden. Deutschland ist der erste Staat, der diesen Schritt vollzieht.

Im Auswärtigen Amt heißt es, die Entscheidung zur Evakuierung der Botschaft erfolge nicht aus medizinischen Gründen oder aus Angst vor einer Ansteckung durch das Coronavirus selbst; ausschlaggebend sei vielmehr eine nordkoreanische Anweisung gewesen, dass niemand das Diplomatenviertel mehr verlassen dürfe. Ein Protest dagegen sei erfolglos geblieben. Da sich dieser Zustand nach Erklärungen des Regimes noch Monate hinziehen könne, sei ein ordentlicher Botschaftsbetrieb nicht mehr möglich.

Als erstes Land weltweit hatte Nordkorea Ende Januar eine Einreisesperre verhängt. Die Angst vor dem Virus ist groß, einer Epidemie ist das medizinische System des Landes nicht gewachsen, es fehlt am Nötigsten. Zunächst hieß es, jeder Diplomat, der einreisen wolle, müsse für vier Wochen in Quarantäne. Ähnliche Maßnahmen hatten die Behörden bereits 2014 aus Furcht vor dem Ebolavirus ergriffen. Im Februar jedoch verschärfte der Apparat die Regeln. Diplomaten dürfen sich seitdem nicht mehr in Pjöngjang bewegen und müssen sich in einem von drei abgeriegelten Vierteln aufhalten: Es gibt eines für die Chinesen, ein zweites, in dem die Russen leben, und ein drittes, in dem alle anderen Nationen untergebracht sind.

Zudem gilt ein striktes Ausreiseverbot. Niemand darf das Land mehr verlassen. Das ist ein Verstoß gegen das Wiener Übereinkommen, das akkreditierten Diplomaten freies Geleit zusichert. Gerade in Nordkorea ist diese Reisefreiheit für Diplomaten essenziell. Die Botschaften sind darauf angewiesen, regelmäßig Kuriere nach Peking zu schicken, um diplomatische Post abzuholen, vor allem aber, um Devisen ins Land zu bringen. Nordkorea ist vom internationalen Finanzsystem abgekoppelt, man kann kein Geld überweisen, es gibt auch keine Automaten, an denen man es abheben könnte.

Was also passiert, wenn es zu einem medizinischen Notfall kommt, wenn jemand schwer erkrankt, nicht einmal notwendigerweise am Coronavirus? Die russische Botschaft unterhält eine kleine Klinik, allerdings können derzeit keine Medikamente eingeführt werden. Für die kleineren Vertretungen steht eine Allgemeinärztin der Vereinten Nationen zur Verfügung, ihre Praxis ist jedoch sehr rudimentär ausgestattet. Normalerweise werden Kranke im Notfall nach Peking ausgeflogen. Diese Option besteht jedoch nicht mehr. Eine zunächst vom nordkoreanischen Außenministerium schriftlich erteilte Zusicherung, dass eine Rettungsmaschine landen könne, wurde wieder zurückgezogen.

Seit 2001 unterhalten Berlin und Pjöngjang diplomatische Beziehungen. Die deutsche Botschaft ist auf dem Gelände der ehemaligen Vertretung der DDR untergebracht. Es ist ein bewaldeter Compound mit Schwimmbad und Pavillon. Weil die Anlage viel zu groß ist, wird untervermietet: Die beiden schwedischen Abgesandten haben hier ihre Räumlichkeiten. Die britische Botschaft ist ebenfalls auf dem Gelände untergebracht, genauso wie ein Verbindungsbüro der Franzosen. Verwaltet wird das Anwesen in den kommenden Wochen von den britischen Diplomaten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4823782
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.02.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.