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Nordkorea:"Bittere Lektionen"

North Korean leader Kim Jong Un attends the Workers' Party congress in Pyongyang

Scheitern als Chance - Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un kündigt in seiner Auftaktrede "neue Siege" an.

(Foto: KCNA/via REUTERS)

Auf einem Parteikongress räumt Kim Jong-un Fehler ein. Der Wirtschaftsplan ist nicht erfüllt, das Land kann Beistand gebrauchen. Mit versöhnlichen Worten spart der Machthaber jedoch.

Von Thomas Hahn, Tokio

Wie es sich gehört für ein nordkoreanisches Einheitspartei-Organ, hatte die Staatszeitung Rodong Sinmun exklusiven Stoff vom ersten Tag beim Kongress der regierenden Partei der Arbeit Koreas (PdAK) in Pjöngjang. Unter anderem ein Schriftstück, das Beobachter als Dokument einer exklusiven Partnerschaft deuten konnten: einen Glückwunschbrief der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) nämlich.

Briefe aus anderen Nationen waren nicht zu lesen. Das Schreiben aus Peking datierte vom gleichen Tag, an dem der Kongress begann. Man musste sich also abgesprochen haben, denn Nordkoreas Staatsmedien hatten vorher nicht berichtet, wann der PdAK-Kongress beginnen würde. Die Botschaft kam an: China ist derzeit Nordkoreas engster Partner - und wohl auch Helfer in der Not.

Sanktionen, Stürme, Corona - das Jahr lief schlecht

Nordkorea kann Beistand gebrauchen. Denn dem Land geht es nicht gut. Der Parteikongress, der am Dienstag begonnen hat, gilt als ein Symptom dafür, dass Staatschef Kim Jong-un eine Wende einleiten muss. 2020 war ein schlimmes Jahr für Nordkorea: anhaltende Sanktionen, Corona-Krise, schwere Stürme.

Außerdem sprengte das Regime das interkoreanische Verbindungsbüro in Kaesong, weil es sich darüber ärgerte, dass Südkoreas Regierung Aktivisten nicht davon abhielt, Ballons mit systemkritischen Texten über die Grenze gen Norden zu schicken. Das Verhältnis zum reichen Bruderstaat wurde also wieder richtig schlecht. Dazu festigte sich Pjöngjangs Eindruck, dass der kurze diplomatische Austausch mit dem nun scheidenden US-Präsidenten Donald Trump wenig gebracht hat. Und nun hat also das neue Jahr begonnen. Pjöngjang muss etwas tun.

Was? Das dürfte in diesen Tagen des Kongresses zu hören sein. Zunächst einmal hielt Kim Jong-un eine Auftaktrede, in der klar wurde, dass er nicht zufrieden ist mit der Lage der Nation.

Auf den Bildern sieht alles geordnet und einträchtig aus, nur: Niemand trägt Maske

Laut Rodong Sinmun waren 7000 Menschen versammelt, 250 Funktionäre der Parteizentrale, 4750 Delegierte aus verschiedenen Landesteilen, darunter 501 Frauen, und 2000 Zuschauer. Sie trugen keine Masken, wie die Bilder zeigten - als wäre das Coronavirus kein Thema in Nordkorea. Es sah insgesamt alles sehr geordnet, einträchtig und sauber aus im Plenum.

Aber in seiner Rede sagte Kim Jong-un: "Die Frist für den Fünfjahresplan ist vergangenes Jahr abgelaufen, aber die Ziele, die wir uns gesetzt haben, wurden in fast allen Bereichen massiv untererfüllt." Er sprach von "angesammelten, bitteren Lektionen", die aber "so wertvoll wie unsere Errungenschaften" seien: "All dies sind Dinge, die wir nicht mit Geld kaufen können, und sie sind eine wertvolle Quelle für neue Siege."

Mit Parteibuch aber ohne Mund-Nase-Schutz: Kongress der herrschenden Arbeiterpartei in Nordkorea.

(Foto: STR/AFP)

Aus Fehlern lernt man - das war also die Botschaft, mit der Kim Jong-un sein Gefolge über die Schwierigkeiten der Gegenwart hinwegtrösten wollte. Nach außen wirkte er allerdings nicht sehr versöhnlich. Er sprach vage von "Fortschritten" im Verhältnis mit Südkorea. Die Regierung in Seoul hat kürzlich ein Gesetz erlassen, das systemkritische Ballon-Sendungen nach Nordkorea unter Strafe stellt - vielleicht spielte Kim darauf an. Aber sicher sagen konnte man das nicht. Die Hoffnung von Südkoreas Vereinigungsminister Lee In-young auf ein Friedenszeichen von Kim zum Kongress-Auftakt wurde jedenfalls enttäuscht. Auch Washington und den neuen US-Präsidenten Joe Biden erwähnte Kim Jong-un nicht.

Und China? Auch China kam in Kim Jong-uns Rede nicht vor. Trotzdem spielte der große Nachbar eine Rolle zum Auftakt des Parteitags. In Nordkorea sagen Staatsmedien eben oft mehr als tausend Worte des Machthabers. In ihrem öffentlichen Brief lobte die KPCh Kim Jong-un salbungsvoll. Er habe "den Parteiaufbau gestärkt, die Wirtschaft und das Leben der Menschen entwickelt, die äußeren Umstände verbessert und die Pandemie effektiv bewältigt".

Das Lob über die Wirtschaftsleistungen passte nicht ganz zu Kims Rede, aber darauf kam es wohl nicht an. Im KPCh-Brief war von einem "neuen historischen Kapitel" zwischen Nordkorea und China die Rede. "Unter den neuen Gegebenheiten" würden Kim und KPCh-Führer Xi Jinping "Frieden in der Region, Stabilität, Entwicklung und Wohlstand sichern". Die Zeilen erzählten von einer Zukunft, in der Nordkorea näher denn je an China heranrückt.

© SZ/uz
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